Totales Organ(-spende-)versagen

Der Aufschrei ist mal wieder groß, aber wie zu erwarten stagniert die Zahl der Organspenden in Deutschland bzw. ist de facto sogar gesunken. Dass so wenig Spendenbereitschaft existiert, ist schlimm genug, aber was mich an der ganzen Sache am meisten stört, ist die scheinheilige Diskussion von Seiten der Verantwortlichen, die schon seit Jahren nichts ändern. Man muss noch nicht mal ein Medizinexperte sein, um die größten Probleme zu benennen. Aus meiner Sicht sind das folgende:

In Deutschland gilt das Opt-In-Verfahren. Man muss sich also bewusst für eine Spende entscheiden. Da der Mensch nun mal in erster Linie an seiner Bequemlichkeit interessiert ist, wird es Leuten viel zu einfach gemacht, dieser Entscheidung aus dem Weg zu gehen – wer nicht will, muss eben nicht. Eine simple Umstellung auf ein Opt-out-Verfahren, bei dem man sich explizit gegen eine Spende entscheidet, würde hier viel bringen, denn dann wären gerade die, die das so vehement verdrängen mal gezwungen, sich zu positionieren und einen (Nicht-)Spendeausweis auszufüllen. Ich fänd das richtig klasse!

Patientenverfügungen sind nicht bindend. Auch hier muss man leider dem Gesetzgeber den Stinkefinger zeigen, weil er zu viele Lücken gelassen hat. Sollte es also mal passieren, dass jemand durch tragische Umstände zum potenziellen Spender wird und verfügt hat, dass er keine lebenserhaltenden Maßnahmen wünscht, kann eben doch noch ein unentschiedener Angehöriger, ein dödeliger amtlicher Betreuer oder sogar ein Arzt diese Entscheidung überstimmen. Natürlich passiert dann das Unvermeidliche – man gammelt so vor sich hin und die Organe werden durch die Medikamente vergiftet, womit sie für eine Spende unbrauchbar werden.

Sterbehilfe ist nicht eindeutig geregelt. Dieser Punkt ist dem vorherigen ganz ähnlich, denn auch hier läuft es darauf hinaus, dass man, anstatt ordentlich und in Würde sterben zu dürfen, genötigt wird, Wege zu gehen, die den Körper einer Verwertung zur Organspende entziehen.

Fehlende Anreizsysteme. Ja, ich weiß, das klingt jetzt wieder nach Organhandel und ganz schlimm, aber die Frage ist, zumindest bei Lebendspenden: Warum nicht? Blutspender erhalten ja bei bestimmten Anbietern auch einen kleinen Obulus. Natürlich müsste das irgendwie einheitlich geregelt werden, aber warum sollte man jemandem, der z.B. ein Stück Haut oder ein paar Blutgefäße hergibt nicht auch noch was Gutes tun (sofern kein direktes Verwandtschaftsverhältnis besteht)? Klar, die Operationen und Krankentage werden von der Kasse übernommen, aber ich könnte mir schon vorstellen dass man das noch verbessern kann. Das muss ja auch kein Geld sein. Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, dass man nach einer anstrengenden OP einer Woche Ostsee-Kur nicht abgeneigt wäre. Selbst das scheint derzeit nicht möglich zu sein.

Wie ich das Ganze sehe, wäre es also gar nicht so schwer. Es müssten nur langsam mal ein paar Dinge ernsthaft geregelt werden. Über die teilweise haarsträubenden (und falschen) Argumente, die in den Kommentaren  zum Spiegel-Beitrag auftauchen, könnte man sich jetzt auch noch seitenlang aufregen, aber das lasse ich mal. Fürs Erste reicht es vielleicht, dass ihr euch alle mal Gedanken macht und einen Organspenderausweis ausfüllt, damit wir hier nicht noch in hundert Jahren das gleiche Thema wiederkauen.

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