Heute schon diskriminiert worden?

Im Trubel und Jubel um die „Ehe für Alle“ (ich schwenke mal ganz dezent meine Regenbogenfahne und gebe hiermit offiziell bekannt, dass der Traumprinz sich doch bald mal melden möge *lach*) ist letzte Woche ein anderes Thema etwas untergegangen – der dritte gemeinsame Bericht der Antidiskriminierungsstelle und sämtlicher zugeordneter Behörden. Wer sich das ganze Werk mit seinen vollen 500 Seiten und seinem noch weitaus umfangreicheren sperrigen Titel geben möchte, kann ihn sich hier runterladen. Der Einfachheit halber kann man sich auch eine kurze Zusammenfassung beim Spiegel reinziehen, die einige Teilaspekte ganz gut auf den Punkt bringt.

Natürlich sind viele dieser Erkenntnisse nicht wirklich neu – irgendwie haben wir’s ja schon immer gewusst, aber von Seiten offizieller Stellen wurde ja immer abgestritten, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ich hab’s ja nun auch schon oft genug erlebt. Der schöne Standardsatz von „Bei gleicher Eignung werden behinderte Bewerber bevorzugt.“ ist schlichtweg blanke Verarsche. Die potenziellen Arbeitgeber spekulieren dann bestenfalls auf irgendwelche Fördergelder und -maßnahmen, damit die Arbeitskraft möglichst wenig kostet, sind aber in der Mehrheit der Fälle gar nicht bereit, wirklich auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. Diese „Alibi-Vorstellungsgespräche“ im öffentlichen Dienst habe ich auch schon erlebt.

Nun sind ja derartige Berichte gut und schön, aber sie lösen natürlich keine Probleme. Entsprechend halte ich auch nicht so viel von den dort vertexteten Verbesserungsvorschlägen – man kann ja das Personal bei Arbeitsagentur und Jobcentern schulen, wie man will, aber sofern diese allgemeine „Ist uns egal, Hauptsache wir werden sie los.“-Mentalität insbesondere bei letzterer Behörde nicht grundlegend überdacht wird, wird sich da nichts ändern. Auch gibt es schlicht und ergreifend diese Arbeitsplätze nicht. Solange kein gesetzlicher Anspruch besteht, werden die meisten Firmen einen Scheißdreck tun, entsprechende Stellen zu schaffen, weil es einfach keinen Druck gibt. Im Zweifelsfall ist es immer noch billiger, Strafsteuern zu zahlen.

Zudem hat der Gesetzgeber ja letzten Endes auch hier eine erhebliche Mitschuld, da durch die diversen Arbeitsmarkreformen ja gerade dauerhafte Arbeitsplätze verloren gegangen sind und Behinderte und chronisch Kranke im Prinzip völlig ungeschützt auf dem regulären Arbeitsmarkt mit wesentlich leistungsfähigeren Arbeitnehmern konkurrieren müssen. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass entsprechend Betroffene es aus gesundheitlichen Gründen überhaupt schaffen würden, sich mit befristeten Verträgen, Zeitarbeit oder mehreren Minijobs rumzuschlagen

Auch kommen wir mal wieder zum viel tieferen Problem bei der ganzen Sache – der Definition von Behinderung und Erwerbsfähigkeit. Auch hier muss man das wieder dem Gesetzgeber ankreiden, da er in seinem Wahn zur Sanierung und Optimierung der Sozialsysteme die Anforderungen mittlerweile so hochgeschraubt hat, dass es teilweise kaum noch möglich ist, überhaupt bestimmte Leistungsansprüche zu erlangen. Das hässliche Wort dafür ist „schöngerechnet“. Über die Jahre sind die Bewertungssysteme für Erwerbsminderungsrente und Grad der Behinderung (GdB) immer wieder so angepasst und verschoben worden, dass mittlerweile selbst Leute, die kaum noch gehen können, teilweise als voll arbeitsfähig gelten und keine Unterstützung bekommen…

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