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Die Windel, die nicht so heißen darf

Ich halte den Artikel zwar weiterhin für ziemlich lahm, aber zumindest entlockt der Stiftung Warentest „Windelvergleich“ dem einen oder anderen noch, wenn auch reichlich spät, noch ein paar Kommentare, womit wir auch gleich zum Thema kommen. Einer der User bemängelt, dass Windeln für Erwachsene eben immer noch Windeln genannt werden und das doch wohl im Umgang mit den Betroffenen unhöflich und kindisch wäre. Gut, das ist ’ne Meinung, aber ich sehe das erwartungsgemäß anders. Wo fängt man da am besten an?

Zunächst einmal zeigen solche Aussagen für mich erstmal nur, wie stark das Thema Inkontinenz und zugehörige Versorgung immer noch tabuisiert und stigmatisiert sind und – das ist der Teil, der mich bedenklich stimmt – das selbst innerhalb pflegerischer Berufsgruppen. Es erscheint mir fast so, als ob man sich hier zu sehr an der Industrie orientiert und fast schon verzweifelt euphemistische, schön klingende Bezeichnungen sucht. Klar, wenn man nicht aus irgendwelchen Gründen daran gehindert wird, kann man eine Tena auch mal eine Tena nennen, aber ob man nun alternativ Inkontinenzslip, Wickelvorlage oder ein anderes aufgeblasenes Wort verwendet – Buxe bleibt Buxe und Windel bleibt Windel.

Der andere Teil ist natürlich die psychologische Komponente von Seiten der Patienten, aber auch hier sehe ich eher das Problem der fehlenden Auseinandersetzung mit dem Thema als ein echtes Dilemma bei der Wortwahl. Passenderweise kann ich das ja sogar aus persönlicher Erfahrung ganz gut nachvollziehen. Selbst als es meinem Vater kurz vor seinem Ableben richtig dreckig ging und er kaum noch aus dem Bett kam, hat er sich hartnäckig geweigert, wenigstens prophylaktisch was Schützendes drum zu machen, falls er es doch nicht mehr rechtzeitig schafft. Den Salat hatten wir dann.

Ähnliches könnte ich auch über meine 90jährige Oma sagen, die sich trotz eines extrem empfindlichen Darmes bis heute nicht durchringen kann, wenigstens eine dünne Einlage zu tragen, wenn sie aus dem Haus geht. Stattdessen muss ich mir jedes Mal anhören, wie oft sie wieder vor dem Einkaufen auf dem Klo war. ;-) Außerdem hat sie bis heute noch nicht so recht begriffen, warum ich überhaupt aus letzten Endes ähnlichen Gründen Windeln trage.

Natürlich rechnet prinzipiell niemand damit, dass er mal in so eine Situation kommt, aber die in meinen familiären Beispielen erkennbare Realitätsverweigerung ist fast schon typisch und hier kommen wir zu einem dritten Phänomen: Man verpasst bei schleichenden (Krankheits-)Verläufen irgendwie immer den richtigen Zeitpunkt. Auch wenn ich meine Oma jetzt überstrapaziere, lässt sich das wiederum gut nachvollziehen.

Genauso, wie sie jetzt die Letzte von „den Alten“  in ihrem Wohnhaus ist und damit den Punkt verpasst hat, an dem man sie noch so in einem altersgerechten Wohnheim hätte unterbringen können, dass sie sich problemlos dran gewöhnt hätte, ist auch die Zeit vorbei, wo man ihr schonend eine passende Inkontinenzversorgung ans Herz legen konnte und sie sich ebenso dran gewöhnt hätte.

In beiden Fällen ist da wieder die typische „Es geht ja noch.“ Mentalität im Spiel. Bis vor kurzem gab es eben noch Bekannte im Haus und vor ein paar Jahren war das mit den übermäßigen Toilettengängen noch kein Ding. Würde man die Oma jetzt in ein Altersheim stecken, würde sie das als Verlust ihrer Selbständigkeit empfinden und sich erst recht dagegen wehren und dann noch Inkontinenzprodukte tragen wäre der Hammer oben drauf. Also bleibt alles so, wie es ist und sie wurschtelt sich weiter in ihrer Wohnung durch.

Wie man dieses spezifische Problem löst, weiß ich allerdings auch nicht. Das ist so ein klassisches Henne-Ei-Ding und wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Ältere Menschen aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen ist genauso problematisch, wie ihnen Einlagen, Vorlagen, Pants oder Windeln aufzudrängen, wenn sie selbst noch nicht erkannt haben, dass irgendwas nicht stimmt. Zu viele Leute denken nicht auch nur entfernt daran, dass es sie mal selbst betreffen könnte.

Dennoch, und da komme ich mal wieder zum Ausgangspunkt zurück, halte ich nichts davon, um den heißen Brei herum zu reden. Natürlich muss man nicht mit „Hau drauf!“ jemanden verschrecken und sollte schon mit Taktgefühl an die Sache herangehen, aber aus falscher Rücksichtnahme den Realitäten nicht ins Auge zu sehen und eine Windel nicht Windel nennen zu wollen, halte ich dann doch für übertrieben. Das Problem ist nicht, dass die Dinger so heißen, sondern dass ein Drama draus gemacht wird!

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5 Kommentare zu “Die Windel, die nicht so heißen darf

  1. Also wenn ich in ein Sanitätshaus gehe und nach Windeln frage, dann sind die Verkäuferinnen meist ein wenig Verlegen und nehmen das Wort nicht in den Mund. Meist reden die von Einlagen oder von Schutzhosen. Ich habe den Eindruck, dass wenn ich als Mann von Windeln rede die misstrauisch werden und vielleicht gar an Fetisch denken. Darum frage ich meistens nach Inkontinenz Produkten.

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    • Ja, genau da liegt eines der Probleme. Man hat immer das Gefühl, als würde man nach was Verbotenem fragen, weil sich die andere Seite „fremdschämt“.

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  2. Ich kenne im Umgang mit Ärzten und Physiotherapeuten genau zwei Reaktionen:

    1. Verlegene Stille, weil die Leute (obwohl sie teilweise berufsbedingt regelmäßig mit solchen Situationen zu tun haben) offenbar nicht wirklich wissen, wie sie professionell-gelassen darauf reagieren sollen, dass jemand inkontinent ist, oder

    2. unqualifizierte Meinungsäußerungen, dumme Kommentare und teilweise an Beleidigung grenzende Sprüche.

    Letzteres ist mir ausschließlich bei Urologen passiert, von denen ich in den letzten 1,5 Jahren eine ganze Menge besuchen durfte. Bei beiden Punkten spielte es dabei aber keine Rolle, ob ich jetzt eine Windel, eine Vorlage, Pants oder ähnliches anhatte, allein die Tatsache, dass „da unten“ was nicht stimmt ist hier wohl ausschlaggebend.

    Beides hat für mich aber die Folge, dass ich wirklich nicht weiß, wie ich mich in solchen Situationen verhalten soll und, schwerwiegender, dass ich mich von Ärzten und Therapeuten entweder nicht ernst genommen fühle, oder ich im Endeffekt garnicht weiß, ob ich den Leuten überhaupt vertrauen kann/darf/soll.

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  3. Wobei ich z.B. unter „Einlagen oder Schutzhosen“ genau etwas anderes verstehen würde und es so vielleicht zu Missverständnissen kommt. Mich würde mal interessieren, ob nur ältere Leute ein Problem mit der Bezeichnung Windel haben, oder ob dass bei jüngeren auch so ist?!

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    • Bob,
      ich weiss nicht was du unter älteren Leuten verstehst. Ich bin 63 und gehöre vermutlich in diese Kategorie :-)
      Ich rede absichtlich von Windeln wenn ich mal in einen Laden gehe und bisher hatte ich damit keine Probleme. Eben einfach der Unterschied, dass man von Seiten des Personals das Unwort Windeln vermeidet und sie von Einlagen oder Schutzwäsche reden. Windeln wird halt mit Baby und Kleinkind assoziiert. Eine Verkäuferin musste grinsen als ich von Windeln sprach, sie konnte es auch nicht verkneifen mir offensichtlich auf die Hose zu starren. Es war die gleiche, welche mir empfahl die Plastikschlüpfer anzuprobieren als ich danach fragte.
      Ich hatte damit keinen Stress und werde auch in Zukunft nach Windeln fragen und wenn es Reaktionen auslöst ist es mir eigentlich egal

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