Erst krank, dann arm

Dieser Satz fällt irgendwann kurz vor dem Ende der ZDF 37°  Reportage 40 Stunden schaff ich nicht und, traurig, dass man das sagen muss, aber leider trifft die Dokumentation die Sache ziemlich auf den Kopf.

Bei der ganzen Sache geht es um Behinderung, aber eher im Sinne von chronischen, spät eingetretenen Erkrankungen und Einschränkungen und der daraus resultierenden Veränderung und Verelendung und natürlich schreibe ich darüber, weil ich mich genau in der gleichen Scheiß Situation befinde. Gut, dass da nun gleich wieder in die Vollen gegangen und auf die Krebs-Tränendrüse gedrückt wurde, inklusive abgedroschener „Ich bin ja froh, dass ich noch lebe.“ Sprüche, fand ich jetzt nicht so passend, aber insgesamt gibt es die Situation doch ganz gut wieder.

Dabei fällt natürlich auf, wie schnell man abrutscht, weil unser Sozialsystem gar nicht dafür gemacht ist, mit solchen Fällen umzugehen. Blöd nur, dass man das erst merkt, wenn man drauf angewiesen ist. Fristen sind zu knapp bemessen, Leistungen hängen davon ab, in welchem Arbeitsverhältnis man steht bzw. stand. Das Beispiel mit der Pharmazeutin passt da prima, weil es den zeitlichen Ablauf des Niedergangs gut illustriert. Bei mir war es ja genau so, auch wenn ich eine andere Krankheit habe und der Untergang meines damaligen Arbeitgebers mindestens genau so viel damit zu tun hatte.

Natürlich gibt es zudem ständig Streit und Ärger, weil alles zwischen verschiedenen Leistungsträgern, also Krankenversicherungen, Rentenversicherung, Arbeitsagentur, Jobcenter, Sozialamt, Versorgungsamt und wer auch immer dann noch da mit involviert ist, aufgeteilt wird. Irgendwie schreibt man ständig Anträge, und wenn die dann aus diversen, oft aus reiner Paragraphenreiterei bestehenden Gründen erstmal abgelehnt werden, ist man schnell Dauergast beim Sozialgericht und dümpelt mit Hartz IV rum.

Besonders schmerzhaft ist natürlich das Ganze mit der Arbeitssuche und das kommt in dem Beitrag auch gut rüber. Wenn Leute mit -zig Qualifikationen keinen Job finden, nur weil sie behindert sind, braucht mir keiner was über Fachkräftemangel erzählen. Das kann ich sogar aus meiner eigenen Erfahrung mehr als bestätigen. Ich halte mich schon nicht für ganz doof, auch wenn mir all die schicken Diplome und Zertifikate fehlen, und hab mich auch auf die unmöglichsten Stellen beworben, die mit meinem bisherigen Berufsleben gar nichts zu tun hatten, aber es ist natürlich klar, dass sowas zum Scheitern verurteilt ist.Wenn man beim Bewerbungsgespräch schon nach Luft schnappt und in den üblichen Schwätzchen zu Arbeitszeitgestaltung erwähnen muss, dass man öfter zum Arzt muss, jede zweite Woche krank ist und eigentlich auch gern nur 30 Stunden oder weniger arbeiten würde, erntet man da, wie zu erwarten, kaum Verständnis.

Hier zeigt sich auch das Totalversagen der Arbeitsintegration von allen Seiten. Im Prinzip kriegt man ja von Jobcenter & Co. keine Unterstützung. Das allgemeine Motto dabei lautet meist „Such dir ’nen Job und wenn du einen hast, genehmigen wir die Förderung ohne Probleme.“, aber darüber hinaus tut sich nichts, weil es diese Jobs einfach nicht gibt. Selbst bei sogenannten „behindertengerechten“ Stellen läuft es meist darauf hinaus, dass nur bestimmte Behinderungen eingeplant sind. Du sitzt im Rolli? Kein Problem, wir haben ja Fahrstuhl im Haus. Du leidest unter chronischer Erschöpfung und brauchst ständig Pausen? Dann lieber nicht… In dieser bizarren Welt bewegt sich das und leider stecke ich da auch mittendrin. Wenn ich diesen Artikel fertig geschrieben habe, werde ich mich schon wieder kaum noch konzentrieren können und muss erstmal abschalten und was anderes machen.

Wer also neben meiner eigenen, natürlich völlig voreingenommen Sicht der Dinge mal ein bisschen mehr zu dem Thema erfahren will, sollte sich den Beitrag mal anschauen. Eine halbe Stunde ist ja nicht zu lang und tut nicht weh. ;-)

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