Windelgeheimnisse: Alles bequem?

An Stelle des wöchentlichen Windeltests habe ich mich entschieden, diese Woche mal etwas anders zu machen. Letztes Jahr habe ich ja kurz vor meinem Geburtstag diesen Geistesblitz gehabt und eine Umfrage dazu gestartet, wie bequem Windeln denn nun wirklich sind. Vor allem wollte ich einige Dinge besser verstehen, die ich oft in meinen Produkttests erwähne und dann natürlich nur in Bezug zu meinem eigenen Körper und meinen eigenen Gewohnheiten beurteilen kann. Nachdem das Ganze etwas mehr als drei Monate gelaufen ist, können wir jetzt einen Blick auf die Ergebnisse werfen. Wie immer bei solchen Sachen, muss man ein wenig den Kontext erklären, damit das, was man liest, auch eine Bedeutung und Wertigkeit bekommt.

Als erstes muss ich sagen, dass im wissenschaftlichen Sinne die Umfrage weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Ich habe sie nicht sonderlich in Foren und Online-Communitys beworben, weil man ja für sowas auch rausgeworfen werden kann. Deshalb hab ich mich auf Mundpropaganda und die Leute verlassen, die hier regelmäßig mitlesen. Zusätzlich haben einige User rumgenörgelt, dass Dies und Das nicht in der Umfrage ist, und verkündet, dass sie diese nicht ausfüllen werden. Die haben dann aber auch nicht den Sinn dahinter verstanden. Deshalb haben wir auch nur ein paar hundert und Krümel Datensätze, weshalb das Bild hier und da sicher etwas verzerrt wird. generell denke ich aber trotzdem, dass die Gesamttendenzen stimmig sind und reflektieren, was man in Foren liest und was ich so in persönlichen Gesprächen gehört habe. Auf jeden Fall sollte ich mir beim nächsten Mal jemanden suchen, der auf Facebook ist und es entsprechend verkündet, damit die Massen dann angeschwärmt kommen.

Der andere Punkt, den man verstehen muss, ist der, dass Alles nur ein Schnappschuss der aktuellen Lage ist. Viele der Ergebnisse hängen an der Verfügbarkeit der entsprechenden Produkte und der damit verbundenen Erfahrungen bei der Verwendung. Das könnte sich schnell ändern, wenn irgendeine Firma morgen schon die ultimative Windel auf den Markt bringen würde, gäbe es in einem halben Jahr es andere Antworten in vielen Bereichen. Das trifft umso mehr zu, wenn man auch an Dinge wie „Kassenwindeln“ denkt, die die Produktauswahl aufgrund der festen Beträge einschränken. Ist ja bei mir auch so – wenn ich trotz meiner Krankheit mal wieder ’nen gutbezahlten Job finden sollte, werde ich mich auch austoben und andere Windeln tragen als die, mit denen ich mich jetzt zufrieden geben muss. Andere sehen das sicher genauso und würden anders abstimmen.

Wenden wir uns nun der eigentlichen Umfrage zu.

Die Teilnehmer

Wie zu erwarten, kamen die Leute bei dieser Umfrage aus allen Bereichen. Außer aus Deutschland haben auch User aus den USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Frankreich und einigen anderen Ecken teilgenommen und wenn ich eine einfache Möglichkeit hätte, andere Sprachen anzubieten, hätten wir sicher auch z.B. ein paar Chinesen angelockt. Altersmäßig gibt es auch keine Überraschungen – von jungen „Spaßträgern“ bis hin zu älteren Herrschaften weit in den Siebzigern, die Windeln wegen Inkontinenzproblemen tragen, ist alles dabei. Genau so gibt es beim Körperbau alles von sehr dünn bis Wampe. Leider, und das ist schade für die Mädels, ist das Ganze mit über 90% vor allem eine Männersache.

Ich trage Windeln, weil ich…

Bei dieser Frage muss ich ein bisschen was erklären. Auch wenn sich die jeweiligen Verwendungszwecke natürlich überlagern und auch inkontinente Menschen selbstverständlich ihre Versorgung manchmal aus anderen Gründen toll finden, habe ich mich bewusst dafür entschieden, bei dieser Frage keine Mehrfachauswahl anzubieten. Wenn man sich an der Dicke seines Polsters oder anderer Dinge an der Windel erregt, hat man eine andere Einstellung dazu und es verändert die Wahrnehmung, weshalb man möglicherweise andere Antworten auswählt. Ich kann aber ohne Probleme zugeben, dass das auch eine methodische Schwäche ist. Sollte ich die Umfrage in der Zukunft nochmal laufen lassen, werde ich das wohl verfeinern müssen und ein paar mehr Optionen und Verzweigungen anbieten.

Davon abgesehen, und das ist sicher die Frage, die alle umtreibt, gibt es keinen eindeutigen Gewinner. Nach den Daten zu urteilen gleicht sich alles irgendwie aus. So, wie ich das sehe, kann „um mich sicher zu fühlen“ ja letzten Endes auch was mit regelmäßiger Verwendung und Dingen wie Bettnässen oder ungelösten Inkontinenzproblemen zu tun haben. Genauso schließt ja auch „zum Spaß“ keine sexuell angehauchten Spielarten aus. Wenn man’s zusammenrechnet, kommt man ganz einfach auf ein 50/50 Verhältnis zwischen ernster (medizinischer) Verwendung und eben nicht ganz so ernst.

Meine derzeitige Standardwindel ist…

Einer der Gründe, warum man Umfragen macht, ist, damit man dann ein paar schnieke Diagramme vorzuzeigen hat und deshalb jetzt hier das erste, welches die meistverwendeten Produkte zeigt.

Meistgenutzte Produkte

Die am meisten genutzten Produkte der Umfrageteilnehmer

Wenig überraschend, zumindest für mich, sind viele der beliebtesten Produkte mit Folie und besonders saugfähig. außerdem sind sie eher am oberen Ende der Skala in Sachen Preis und Qualität. Nun könnte man unterstellen, dass die Umfrage von Windelfetischisten überrannt wurde, aber das stimmt nicht wirklich. Selbst viele Inkontinente ziehen das so vor und da zähle ich mich auch dazu, auch wenn ich mich manchmal in meiner Windel schon zu wohl fühle, um da als neutral zu gelten. ;-) Ich habe ja schon versucht, viele der Gründe in einem Artikel vor einiger Zeit zu erklären und auch wenn es so aussieht, als ob „die Industrie“ die Leute zu Textiloberflächen treiben will, wird Folie nicht aussterben. Ich würde sogar behaupten, dass die Firma, die diese Nuss knackt und die perfekte Folienwindel herstellt, gutes Geld verdienen wird, wenn eines Tages alle anderen nur noch atmungsaktive Produkte anbieten, manchmal ziemlich mittelmäßige noch dazu. Ein paar andere Gründe, warum das Diagramm so aussieht, wie es aussieht, sollten weiter unten klar werden.

Meine Windelgröße ist…

Da die Umfrage vor allem von Europäern und ihren ausgewanderten Nachfahren in fernen Ländern absolviert wurde, ist es natürlich keine Überraschung, dass die meisten Leute Größe M und L haben. Ich bin mir sicher, wenn wir das Ganze in Asien machen würden, würden wir stattdessen viel Größe S sehen. Nur eine kleine spaßige Randnotiz, aber es erklärt, warum gute Windeln in manchen Größen so schwer zu finden sind, wenn man nicht ins Raster passt.

Im Vergleich zu Standardgrößen fühlt sich meine aktuelle Windel an… &
Gefühlte Größe in Relation zur angegebenen Größe

Diese zwei Punkte entsprechen ziemlich genau dem, was ich in einigen meiner Produkttests gesagt habe. Die meisten Nutzer stimmen zu, dass z.B. die Comficare um einiges kleiner ist als die meisten anderen Produkte und genau so gibt es Übereinstimmung bei den größer ausfallenden wie die von Rearz. Selbstverständlich ist das auch Teil des Designs und oft Absicht, genau wie es eben normale Variationen der Form zwischen den Herstellern gibt, weshalb man das nicht überbewerten sollte. Zumindest fühle ich mich darin bestätigt und bekräftigt, dass meine eigene Wahrnehmung nicht so sehr von der der anderen abweicht.

Das Saugpolster meiner aktuellen Windel fühlt sich an…

Das ist ein etwas komischer Punkt und die Zusammenhänge wurden mir erst klar, als ich die individuellen Berichte einzeln durchgearbeitet habe, wo man diese Aussage mit dem eigentlichen Produkt, das jemand trägt, in Zusammenhang stellen kann. Die interessante Sache hierbei ist, dass manche Leute z.B. eine Abri-Form M4 nutzen, aber das Polster zu groß finden. Ähnlich, aber am anderen Ende, wird ein Polster in der Tena Maxi als zu klein empfunden (was auch irgendwie logisch ist, weil die Windel kleine Maße in manchen Bereichen hat wie eben die Rückenlänge und deshalb nichts größer sein kann). Das ist etwas widersprüchlich, aber man müsste detailliertere Fragen stellen, um die Beweggründe herauszufinden. Bei mir ändert sich aber nichts: Ich liebe relativ große Polster am Hintern aus den bekannten Gründen, die ich nicht nochmal wiederholen muss.

Das Saugvolumen meiner Windel fühlt sich an wie…

Eines der weiteren Details, das in den Daten je Nutzer versteckt ist, ist die Saugkraft des täglich genutzten Produktes. Mehr als alles andere ist das psychologisch interessant, weil es zeigt, wie Leute daran gewöhnt werden können, bestimmte Dinge einfach hinzunehmen. hier fällt auf, dass Menschen, die vermutlich schon für einen großen Teil ihres Lebens Inkontinenzprodukte benutzt haben, wesentlich nachgiebiger sind und nicht mehr erwarten, als sie auch bekommen. andere Nutzer, mehrheitlich die, die mit Windeln Spaß haben und jünger sind, geben schlechtere Wertungen.

Gefühlte Saugfähigkeit in Relation zum angegebenen Wert

Zum Schluss, während wir langsam zum Ende dieser Zusammenfassung kommen, vielleicht das wichtigste Resultat der Umfrage. Erstmal ein Blick auf das Diagramm:

Absolute Saugfähigkeit

Saugfähigkeit nach Einschätzung der Umfrageteilnehmer als absoluter Wert auf einer imaginären Standardskala

Der Gedanke hinter diesem Diagramm ist, dass Nutzer verschiedene Produkte auf einer imaginären Standardskala einordnen sollten. Dass kann man sich als eine Art ISO oder DIN Norm für Windeln vorstellen, wenn sich alle Anbieter auf das gleiche Bewertungssystem geeinigt hätten. Auch wenn es ein wenig schwammig ist, weil ich Produkte, die es in verschiedenen Saugstärken gibt, nicht nochmal separat aufgelistet habe, sollte man doch die Aussage verstehen, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, die Höhe der Balken (= Anzahl der User, die eine bestimmte Wertung gegeben haben) und ihre Anordnung zu interpretieren.

Ein ziemlich eindeutiger Kandidat ist z.B. die ID Expert Slip (gelbe Reihe). Die „Insel“ links weist auf die Extra im mittleren Saugstärkebereich hin, die anderen sind die Super und Maxi Versionen. Selbst wenn man viel guten Willen zeigt, kann man nur eine Schlussfolgerung ziehen: Die Produkte halten nicht das, was sie versprechen. Das ist ein ziemlicher Schlag und die Produktmanager in der Windelindustrie sollten schon etwas nervös werden. Bei manchen Produkten ist es sogar noch schlimmer, sogar bei solchen, die es nur in einer Saugstärke gibt. Wenn etwas wie die Comficare, die ich definitiv als 10+ bewerten würde, sich doch nur bei einer 8 einpendelt (was so etwas wie der Knackpunkt zu sein scheint, wo sich alle Produkte treffen, selbst wenn sie das saugfähigste des jeweiligen Anbieters sind), dann ist irgendwas los. Man sollte auch die extreme Streuung und Wertspreizung beachten.

Natürlich kann man jetzt wieder endlose Debatten anzetteln, wie oft nach Lehrbuch Windeln gewechselt werden sollten und deshalb extreme Saugkraft gar nicht nötig sein sollte und wir können uns auch prima den Mund über andere Dinge fusselig reden, aber verlieren wir mal nicht aus dem Blick, dass das auf realen Erfahrungen basiert. So, wie ich eine gute Windel mit langer Haltbarkeit brauche wenn ich unterwegs bin und nicht wechseln kann, brauchen eben auch andere Leute dieses kleine bisschen „mehr“, egal was das Lehrbuch sagt. Die Anzeichen sind klar: Zumindest wenn es darum geht, viel Flüssigkeit aufzunehmen, erfüllen viele Produkte ihre Norm nicht, egal welchen Grundlevel man als Referenzwert heranzieht.

Weil ich davon auch überrascht war, habe ich auf einem Forum nochmal nachgefragt, aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass besonders für die Nacht manche Leute ganz schönen Aufwand betreiben, um die Windel entsprechend aufzurüsten, damit sie diese nicht nochmal mitten in der Nacht morgens um eins wechseln müssen. Glücklicherweise kann ich mein Wasserlassen noch kontrollieren, weshalb es kein Thema ist, aber für manche Menschen ist es eine ständige Quelle für Frust und Verzweiflung. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass man einfach nicht das bekommt, wofür man bezahlt hat, und die Hersteller nicht immer ganz ehrlich sind, wenn es darum geht, was ihre Produkte leisten können.

Abschließende Worte

Trotz aller Macken denke ich, dass die Umfrageergebnisse einige interessante Einsichten liefern. Für mich ist eine der Schlussfolgerungen, dass ich viel strenger und weniger nachgiebig bei meinen Tests sein muss. Weil ich noch relativ neu dabei bin und „die guten alten Zeiten“ nicht mitgemacht habe fehlt mir der Vergleich, aber ja, das, was oft auf Foren gesagt wird, scheint sich zu bewahrheiten: Die Qualität hat irgendwie nachgelassen und das ist nicht akzeptabel. Ob das nun am Kostendruck liegt oder die Firmen einfach nur schlechte Entscheidungen treffen bleibt eine offene Frage, es ist aber offensichtlich, dass viele Firmen in ihrem Wahn ihren Kunden damit keinen Gefallen tun und sie mit einer begrenzten Auswahl von noch nicht mal besonders guten Produkten hängen lassen.

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