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Windelgeheimnisse: Warum die Saugstärke nie stimmt

Jetzt, wo mal wieder jeder ganz aufgeregt am Sender dreht wegen der neuen BetterDry und den unvermeidlich daraus entstehenden Diskussionen über die Saugfähigkeit (vor allem im Vergleich zum Vorgänger, der Comficare), kommt mal wieder das alte Thema auf, wie man denn sowas am besten misst. Weil ich das schon ab und zu mal in meinen Windeltests erwähnt habe, widmen wir uns doch der Sache einfach mal etwas ausführlicher.

Wieviel die Windel aufnimmt, wird von so vielen Faktoren bestimmt, dass man zu jedem einzelnen davon einen ganzen Artikel schreiben könnte. Der offensichtlichste ist natürlich das eigentliche Saugpolster. Es besteht aus einer Mischung aus Zelluloseflocken und Superabsorber (SAP) sowie einer Anzahl weiterer Zutaten wie andere Fasern (Baumwolle, Stofffasern, synthetische Polymere), Geruchshemmern, Duftstoffen, Hautschutz und so weiter, alles umschlossen von mindestens einer Schicht durchlässigem Gewebe. Je nach Hersteller variieren dabei die Prozentanteile der Substanzen. Zusätzlich gibt es Polster in verschiedensten Dicken, Größen und Formen. Als ob das nicht schon genug wäre, verändern verschiedene Herstellungsprozesse die interne Struktur und Dichte. Deshalb kann allein schon die Anordnung der Fasern das Verhalten beeinflussen.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf, was ist nun der Punkt mit diesem ganzen Absorptions-Kram? Es ist klar, dass es eine prinzipbedingte Variabilität gibt und nicht jedes Produkt gleich sein kann. Deshalb muss es doch irgendeinen Weg geben, das Ganze objektiv zu bewerten. Weil die Menschheit gern alles vermisst, schon seitdem unsere Vorfahren umhergewandert sind und sich gefragt haben, wie weit sie eigentlich gelaufen sind, gibt es verschiedene Testverfahren. Bis vor einigen Jahren waren die üblichen:

  • Referenzbasierte Testmethoden, bei denen eine vordefinierte Menge des Materials (soundsoviele Gramm oder ein 10 x 10 cm großes Stück oder ähnlich) unter Laborbedingungen in einem Gefäß mit einer Flüssigkeit vollgesaugt wird, die Urin simuliert. Dieses Material lässt man dann abtropfen und wiegt es. Danach wird das Messergebnis auf das eigentliche Produkt extrapoliert, also das Ergebnis mit der Menge multipliziert.
  • Eine erweiterte Methode des vorherigen Verfahrens, bei der ein Gewicht verwendet wird, um den Druck auf eine bestimmte Fläche zu simulieren.
  • ISO 11948-1 (Rothwell-Test), was im Prinzip das gleiche ist, wie die erste Variante, nur dass hier ein fertiges Produkt im Ganzen verwendet wird.

Ziemlich eindeutig haben all diese Tests schon eingebaute Fehler und Schwachpunkte: Es sind abstrakte Tests, die die reale Verwendung nicht widerspiegeln. Unter realen Bedingungen ist es nicht möglich, selbst die beste Windel bis zum Rand zu füllen wie es auch Unterschiede dabei gibt, wieviel Druck eine schlanke Person im Gegensatz zu einer übergewichtigen erzeugt.

Jeder kann erkennen, dass das abseits der notwendigen technischen Kontrolle und Qualitätsprüfung, die es in einer Fabrik nun mal geben muss, keinen praktischen Nutzen hat. Deshalb wird seit einigen Jahren eine neue Methode vorgeschlagen: ABL (absorption before leakage = „Aufnahme (bis kurz) vor dem Auslaufen“). Dabei wird ein speziell vorbereiteter Dummy verwendet, dem die Windel angelegt wird und dann durch eingebaute Schläuche in Intervallen Flüssigkeit gepumpt wird, während das Ganze in vordefinierten Winkeln mit Anpressdruck auf einem simulierten Bett liegt bis es sichtbares Auslaufen gibt. Obwohl das ein besserer Ansatz ist und schon sinnvollere Ergebnisse liefert, denke ich trotzdem, dass er einige grundlegend wichtige Aspekte nicht erfasst.

Es ist immer noch ein statischer Test, der die Abnutzung des realen Produkts nicht simuliert. Selbst im Bett bewegen sich Menschen, was Zug- und Druckkräfte in unterschiedlichen Bereichen ausübt, was sie wie einen Schwamm ausdrückt. Das multipliziert sich dann exponenziell, wenn man noch andere Bewegungen wie Sitzen und Laufen dazu nimmt. In diesen Situationen kommt dann auch ein anderer Faktor ins Spiel: die interne Struktur des Polsters.

Wenn es ein „schlechtes“ Polster ist, führt es schneller zum Auslaufen, weil Flüssigkeit nur vertikal von innen nach außen in einem kleinen Bereich transportiert wird. Im Ergebnis führt das dann zu „Pfützen“, während andere Bereiche komplett trocken bleiben (unter anderem einer der Gründe, warum ich Nässeindikatoren in den meisten Fällen überhaupt nicht nützlich finde).

Umgekehrt wird ein Produkt mit vernünftiger horizontaler Verteilung immer mehr Sicherheitsreserve haben, denn selbst wenn es auf einer Ecke ausgedrückt wird, kann die Flüssigkeit in andere, trockene Bereiche ausweichen. Dieser Punkt wird meiner Meinung nach von den Herstellern viel zu wenig berücksichtigt.

Und was sagt und das Ganze nun? Die unbequeme Wahrheit ist, dass trotz all dieser schönen Zahlenangaben auf den Verpackungen nur eigenes umfängliches Probieren genug Erfahrung bringt, um einschätzen zu können, wie sich ein Produkt unter alltäglichen Bedingungen im eigenen Tagesablauf verhält. Maximal können die Werte einem einen Ausgangspunkt liefern.

Dabei kann man ISO Werte getrost halbieren, um einen besseren Eindruck von den realen Gegebenheiten zu bekommen. Trotzdem ist auch diese einfache Faustregel nicht wirklich exakt. Selbst das schlechteste Polster hat eine gewisse Mindestaufnahmefähigkeit und umso größer es auch in Fläche und Gewicht wird, muss das nicht zwingend bedeuten, dass es gleich viel mehr Flüssigkeit aufnimmt. Dieser Zusammenhang ist nicht linear.

In den seltenen Fällen, bei denen die Hersteller die ABL Werte zur Verfügung stellen, kann es sogar noch schlimmer sein. Entweder muss man nochmal ein Drittel vom angegeben Wert abziehen oder noch was draufschlagen. Das kommt wieder auf meinen Punkt mit dieser vertikal/ horizontal Sache zurück und wie deshalb die Flüssigkeit entlang der Fasern fließt und wo die Superabsorberkörner sind, die dieses Fließen aufhalten.

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Ein Kommentar zu “Windelgeheimnisse: Warum die Saugstärke nie stimmt

  1. Das Auslaufen einer Windel hängt meist damit zusammen, wie oft das Produkt im Zeitfaktor X beansprucht wird. Je öfter die Windel beansprucht wird, desto schneller kann die Windel auslaufen, weil Superabsorber und Zellstoff etc. den Urin nicht schnellstmöglich einbinden kann. Die Leistungsgrenze ist schnell erreicht und wird auch eine BetterDry oder Comficare in die Knie zwingen. Hinzu kommt, dass die Saugeinlage meist an einer Stelle Urin und Stuhl aufnehmen muss. Dies wird in den Testverfahren nicht berücksichtigt.

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