Eine Frage der Farbe

Eines dieser immer wiederkehrenden Themen, wenn es um Inkontinenz und Windeln geht, ist die Frage, warum es so wenige schön bedruckte, farbige Windeln gibt. Viele Argumente werden dann in den Ring geworfen und es wäre vielleicht sinnvoll, einige davon mal zu entzaubern und auch generell mal meine Meinung dazu darzulegen. Bevor wir uns den Details zuwenden, erstmal für die, die noch nie sowas gesehen haben, ein Bild. Es ist eine Zusammenstellung aus Produkten, die ich mir aus Neugier selbst gekauft habe oder von Freunden bekommen habe.

Bunte Windeln

Ganz offensichtlich haben die meisten diesen Adult Baby/ Ageplay Touch, aber genau dieser kleine „Makel“ gibt uns einen guten Ausgangspunkt, eines der wohl unzutreffendsten Argumente zu entkräften:

Der Markt ist nicht groß genug

Wenn es keinen Markt gibt, warum brechen dann immer alle in Jubel aus, wenn mal wieder eine neue farbige Windel rauskommt? Man sieht wortwörtlich Wellen von Bildern durch tumblr. rollen, auf denen alle ihre neuesten Trophäen zur Schau stellen. Die Händler müssen sich ins Fäustchen lachen, so viel kostenlose Werbung zu bekommen und die Produkte kistenweise zu verkaufen, obwohl nicht jeder von ihnen damit stinkreich wird trotz der heftigen Preise. Für mich ist das Beweis genug, dass es eine gewisse Nachfrage gibt. Sogar wenn man den Fetischaspekt ausblendet, findet man inkontinente Leute, die einfach Gefallen an den Produkten finden wegen der Passform und Saugfähigkeit.

Abseits dieser subjektiven Faktoren, kann man es sich auch einfach ausrechnen: Allgemein geht man davon aus, dass mindestens 10% der Bevölkerung irgendwann mal Kontinenzprobleme haben. Für Deutschland macht das bei rund 80 Millionen Einwohnern um die 8 Millionen und man kann ohne Zweifel locker nochmal zwei Millionen draufschlagen für die Leute, die nie zum Arzt gehen und dem Problem ausweichen indem sie versuchen, mit irgendwelchen Behelfslösungen über die Runden zu kommen. Nun muss man nur noch ausknobeln, welche Form der Inkontinenzversorgung die Leute verwenden – Klebe-/ Klettwindeln, Pull-Up Höschen oder nur Einlagen in der Unterwäsche.

Gehen wir mal davon aus, dass mindestens zwei Millionen Menschen Klebewindeln benutzen, so wie wir sie hier regelmäßig besprechen. Aus dieser Menge nehmen wir weiterhin mal nur die mobilen, nicht pflegebedürftigen, die noch aus dem Haus gehen und das Zeug unter der täglichen Kleidung tragen. Das könnten 100000 sein oder viel mehr. Aber egal, selbst wenn man nur den kleinsten Wert annimmt und entsprechend mit mindestens drei Wechseln pro Tag und sieben Tagen multipliziert, kommt man auf gigantische Stückzahlen. Bei 100000 Nutzern macht das 2,1 Millionen Stück die Woche und mehr als 100 Millionen im Jahr. Ich nenne das keinen kleinen Markt! Sicher wäre es nicht genug, auch nur bei einem einzigen Hersteller die Maschinen das ganze Jahr mit farbigen Windeln im Dreischichtbetrieb laufen zu lassen, aber es wäre definitiv genug, ab und an große Ladungen davon zu produzieren.

Damit kommen wir auch schon zum zweiten Punkt:

Die Hersteller sorgen sich um ihren Ruf

Auch wenn da was Wahres dran ist und es ein sensibles Thema ist, wenn man sieht, was zur Zeit an farbigen Windeln rumschwirrt, ist das nicht das, wovon ich rede. In meiner Vorstellung sehe ich da eher Windeln mit dunkel bedruckten Rändern, die selbst dann unauffällig aussehen, wenn sie doch mal aus der Jeans rausschauen und es auch den schüchternsten Menschen nicht peinlich sein muss. Ich sehe auch Karomuster, wie man sie bei normaler Unterwäsche findet. Ich sehe Spitzenimitationen für die Damen und schöne einfarbige Flächen. Ich sehe schöne farbige Motive für behinderte und inkontinente Kinder. Versteht ihr, was ich meine? Es muss nur mal eine Firma das Eis brechen und einen Trend setzen. Und na klar, selbst für die von uns, die ihre kindliche Ader ausleben wollen, gäbe es genug Spielraum. Wir leben ja im 21. Jahrhundert, nicht in irgendeiner finsteren Zeit.

Damit zum nächsten Punkt:

Medizinische Vorgaben diktieren die Anforderungen

Das stimmt zwar zu großen Teilen, aber eben auch wieder nicht. Leider ist das so ein schwammiges Thema, bei dem man nie eine voll zufriedenstellende Antwort finden wird. Es gibt einige offensichtliche Punkte:

  • Die Bedruckung/ Beschriftung muss „funktional“ sein, damit das Pflegepersonal bestimmte Dinge wie die Größe oder den Feuchtigkeitsstreifen überprüfen kann. Wie meine eigenen Erfahrungen zeigen, ist das nicht zwingend zutreffend.
  • Das Produkt muss unauffällig sein. Mag sein, dass eine weiße Windel auf weißen Bettlaken perfekt getarnt ist, aber wenn sie aus der Jeans blitzt, eher nicht. Das Gleiche könnte man für bestimmte Arten der Bedruckung sagen. Eindeutig ist das der streitbarste Punkt, aber eben nicht nur wegen der Farbe.
  • Die Farben müssen ungiftig und abriebfest sein. Das ist natürlich ein kritischer Faktor, aber die Technologien sind heute dafür genug ausgereift. Farben, die für Lebensmittelverpackungen benutzt werden, müssen diese gleichen Kriterien auch erfüllen und wir sind jeden Tag davon umgeben. Sie verwenden ungefährliche Pigmente, werden UV-Licht gehärtet, sind erdölfrei und so weiter. Und natürlich könnte man zynisch sein und sagen, dass, solange ein Plüschtier mehr Giftstoffe enthält als eien Windel, man wirklich andere Sorgen hat… ;-)
  • Windeln müssen atmungsaktiv sein und sie zu bedrucken, wäre technisch schwierig und würde die Poren verschließen. Diesen Punkt kann man nicht voll abstreiten, aber ähnlich wie beim vorherigen Absatz, kann man heutzutage auf fast jedes Material drucken und man kann es so machen, dass es gut aussieht und keine harte Kruste bildet. Und natürlich gibt es dazu noch einige Dinge im größeren Rahmen zu diskutieren.
  • Es muss kosteneffizient sein, damit es von der Krankenversicherung bezahlt wird. Keine Frage – ich würde mir farbige Windeln auch verkneifen und bei den weißen bleiben, wenn es mich finanziell ruinieren würde. Lustigerweise ist das wieder so ein Henne-Ei-Problem. Wenn mehr farbige Windeln produziert würden, wären sie so preiswert wie die herkömmlichen. Irgendjemand muss nur mal einen Anfang machen.

Jetzt ist noch eine Sache übrig.

Design und Produktionskosten

Selbstverständlich muss jemand die farbigen Drucke entwerfen, aber das würde ja selbst für „technische“ Bedruckung zutreffen, die nur praktische Informationen enthält. Ich muss auch sagen, dass die meisten Designs bei farbigen Windeln auch einfach gestrickt sind, auf die eine Art oder die andere. Sie sind nicht besonders aufwendig gestaltet oder verwenden komplizierte Druckprozesse. Die meisten Lebensmittelverpackungen sind da anspruchsvoller. Deshalb wäre da die einzige große Herausforderung, alles für die eigentliche Druckproduktion genau hinzukriegen, was natürlich schon etwas Aufmerksamkeit erfordert, wenn man auf Folie und ähnliches druckt.

Als solches erhöhen mehr Farben natürlich die Druckkosten, vor allem wegen der Logistik – mehr Druckfarbe, mehr Druckplatten für jede Farbe, längere Trockenzeiten für die Farben, zusätzliche Wärme- oder UV-Trocknung mit entsprechenden Stromkosten und all diese kleinen Dinge. Wie ich jedoch in diesem Artikel schon geschrieben habe, wäre das bei ausreichend großer Produktionsmenge aber trotzdem ein vernachlässigbarer Bruchteil der Gesamtkosten.

Die Wirtschaftlichkeitsfrage wirkt auch an anderer Stelle. So ziemlich jeder Hersteller/ Anbieter hat mehrere Produktlinien, wobei sich bei manchen die Anwendungsbereiche überlappen. Zusätzlich sind viele Produkte dann noch nach Saugstärken, Größen und manchmal geschlechterspezifischen Varianten unterteilt. Wenn die Firmen es nur versuchen würden und ein wenig ihr Produktportfolio aufräumen würden, gäbe es vermutlich genug Ressourcen, mal wirklich neue Produkte zu entwickeln. Das könnte dann auch farbige „Spezialunterwäsche“ für Leute beinhalten, die damit was anfangen können – mobile, unabhängige Leute wie ich.

Man kann irgendwie schon ein Muster erkennen, oder? Im Ganzen kommt es immer wieder zurück auf die Stückzahlen und den Umstand, dass die Hersteller es zumindest mal versuchen und sich ein bisschen Mühe geben müssten. Zusammenfassend kann man sich eigentlich nur wundern, warum dieses Potenzial nicht genutzt wird, gerade von den großen Firmen, die mit bestehenden Vertriebsnetzen, Fabriken und Zertifizierung nur ein überschaubares Risiko hätten…

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