Popoverpackung und die Kosten

Ein immer wiederkehrendes Thema in Diskussionen über Inkontinenz oder Windelntragen im Allgemeinen sind die Kosten im Vergleich zu Qualität, Tragekomfort und Design. Grob gesagt scheinen manche Leute einfach nicht das Produkt zu finden, mit dem sie komplett zufrieden sind, und natürlich sind sie dann frustriert.  Klar, wie meine andauernde Serie von Windeltests zeigt, gibt’s wirklich gute, nicht so gute und mittelmäßige Windeln und ich habe euch noch nicht mal ein paar wirklich schlechte gezeigt, weshalb es ein unendlich schwieriges Thema ist. Genau so kann man sich natürlich seine „Traumwindel“ in China anfertigen lassen – auf Alibaba gibt’s genug Anbieter, die vermutlich in runtergekommen Fabriken mit alten Maschinen produzieren und ihre Leistungen anbieten – aber es ist trotzdem nicht so einfach, nicht wahr? Man muss doch einige Dinge bedenken.

Als erstes natürlich pure Masse. Ein Container voll mit 50000 Packungen dieser superweichen, perfekt passenden und schön bedruckten Windel mag für manchen paradiesisch klingen und für’s ganze Leben reichen, aber im Vergleich zum großen Gesamtbild wäre es klein und relativ unbedeutend. Wenn man bedenkt, dass ungefähr 10% der Bevölkerung irgendwann mal im Laufe ihres Lebens Inkontinenzprodukte brauchen, kann man sich leicht vorstellen, wie groß der Markt dafür ist und das große Hersteller diese tausenden von Packungen jeden Tag nur so raushauen in einer von ihren vielen großen Fabriken. Wäre sicher interessant, das eines Tages mal real zu sehen.

Als nächstes die eigentlichen Herstellungskosten. Das kann man über den Daumen gepeilt berechnen, wenn man sich bei den industriellen Anbietern der verschiedenen Bestandteile umsieht wie die Faserflocken, der Absorber, die Folie, Klebebänder, Deckgewebe oder selbst die Fäden, die die seitlichen Auslaufsperren stabilisieren. Dieses Zeug wird in Fässern, Säcken oder auf Spulen mit hunderten Metern von Material vertrieben. Die Kosten für den Maschinenbetrieb kann man z.B. von Druckereien ableiten. deshalb kann man relativ leicht ein Beispiel konstruieren.

  • Eine Windel mit stärkster Saugkraft wiegt im Schnitt 170 bis 210 Gramm. Davon ist der Großteil natürlich das Saugpolster. Es würde in solch einem Fall ungefähr 150 bis 190 Gramm des Gewichts ausmachen. Das Polster selbst ist eine Mischung aus Superabsorber (Super Absorbent Polymer, SAP), Zellulosefasern und einigen anderen Chemikalien zur Vermeidung von Gerüchen, Unterdrückung von Bakterien- und Pilzwachstum und so weiter. Wenn man davon ausgeht, dass nur ein paar Krümelchen SAP in jeder Windel sind und man dann diese Säcke mit vielleicht 200 Kilo sieht (siehe Seiten 17 und 18 dieser Broschüre), kann man sich das leicht ausrechnen. Ja, ein einziger Sack könnte durchaus für eine Tagesproduktion oder mehr reichen.
  • Eine durchschnittliche Windel in Größe M hat aufgefaltet ungefähr eine Fläche von 90 mal 70 Zentimeter. Dazu muss man noch ein bisschen was oben und unten, links und rechts hinzurechnen, damit alles durch die Maschine laufen kann und der Überstand dann irgendwann abgeschnitten wird. Sagen wir also, man braucht einen 1m x 1m Bogen aus 0,03mm dicker Folie und das ist natürlich auf einer Endlossrolle, die 5m breit ist. Damit hat man leicht tausende Bögen auf einer einzigen Rolle.
  • Als ich noch mit Leuten in der Druckindustrie zu tun hatte, wurden die Kosten pro Bogen oft in Bruchteilen von (Euro) Cent gerechnet, was bedeutet, dass selbst eine gefalzte, geschnittene, geheftete, geklebte oder genähte Broschüre manchmal nur 3 Cent kosten kann. Der Unterschied besteht dann nur in der Papiersorte, Anzahl der gedruckten Farben oder extra Verarbeitungen mit Stanzungen, Folie, Lackierung und dieser Kram. Wenn man das auf eine Windel überträgt, kann man von Kosten in ähnlichen Bereichen ausgehen.

Wenn man das alles im Kopf zusammenrechnet, sieht man, dass Materialkosten, Energiekosten und so weiter bei einer Windel irgendwo zwischen 10 Cent und 1 Euro liegen, obwohl man sie in letzterem Fall dann schon fast vergolden kann. ;-) Das ist aber nur die halbe Wahrheit und jetzt wird’s interessant. An den Vertrieb habt ihr nicht gedacht, oder?

Um die Windeln unter die Leute zu kriegen, muss man es in irgendeiner Form als Geschäft betreiben. Dazu muss man eine kleine UG, GmbH oder ähnliches gründen, Steuern zahlen, Lagerräume haben, Angestellte, die sich um den Versand kümmern. Man selbst will natürlich auch noch was verdienen, um die Miete zu bezahlen und wäre den ganzen Tag damit beschäftigt, mit dem Hersteller, der Entwicklung, dem Marketing und den Vertriebsleuten alles abzustimmen. Die alle wollen natürlich auch wenigstens ein bisschen was verdienen, um ihre eigenen Kosten zu decken und im Handumdrehen kommt dan hier und da noch ein Cent zum Produktpreis hinzu. Zusätzlich hat man Transportkosten für die Container aus China und muss Importzölle zahlen. Wenn man alles zusammennimmt, hat sich der Preis der perfekten, billigen Windel von 20 Cent verdreifacht.

Was will ich damit sagen? Es ist nicht leicht, in diesen Markt einzusteigen und lange, bevor man irgendwas verdient, muss man erstmal was investieren – reales Geld und Herzblut. Um auf meinen Ausgangspunkt zurückzukommen – außer, man erreicht eine bestimmte Menge an Massenproduktion, ist es vielleicht nicht die einfachste Geschäftsidee. Mein Aufhänger ist normalerweise der, dass man in den „ernsten“ medizinischen Markt reinkommen muss, aber dann trifft man ja auf weitere Hürden wie Zertifizierungen oder die Listung im Hilfsmittelverzeichnis, damit die Ärzte die Produkte auch verordnen dürfen.

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