Mythen der Medizin: Vor dem Schlafen nichts trinken?

Im Zusammenhang mit der ganzen Inkontinenzgeschichte und dem damit verbundenen Kennenlernen von anderen Leuten, die Windeln aus dem einen oder anderen Grund tragen, bin ich immer wieder überrascht, wie hartnäckig sich doch einige Mythen halten. Einer davon ist der gute alte „vor dem Schlafengehen nichts trinken“. Schauen wir uns mal einige Sachverhalte an, um ein etwas klareres Bild zu dem Thema zu kriegen.

Streng für gesunde Erwachsene gesprochen, ist diese Empfehlung natürlich kompletter Unsinn. Wenn die Nieren funktionieren, füllt sich die Blase so oder so aller drei bis fünf Stunden, selbst wenn man gar nichts trinkt. Die Nieren sind Teil des natürlichen Filtersystems des Körpers und entgiften das Blut, was ein kontinuuierlicher Prozess ist, den man nicht beeinflussen kann, ob man nun will oder nicht. Es gibt ja einen Grund, warum Leute mitten in der Nacht auf’s Klo müssen und damit nicht nur ältere Herren mit Prostataproblemen gemeint sind. Man darf auch nicht vergessen, dass man im Schlaf ja trotzdem transpiriert und gerade zu Zeiten wie jetzt, wo es in Deutschland brütend heiß ist, muss man natürlich auch vor der Bettruhe entsprechend Flüssigkeit zu sich nehmen, weil man Liter um Liter ausschwitzt.

Das Ganze ist natürlich was anderes, wenn man Probleme im Harntrakt hat, wie die schon erwähnte Prostata. Genau so gibt es eine beliebige Zahl anderer Einschränkungen wie chronische Entzündungen oder einfach eine überempfindliche Blase, wobei viele dieser Beschwerden nicht unbedingt ärztlicher Überwachung und Behandlung unterliegen. In solchen Fällen kann es natürlich Sinn machen, keine weiteren Reizungen zu provozieren, indem man zu viel zu ungünstigen Zeiten trinkt, aber man muss es abwägen. Den Reinigungseffekt, der z.B. entzündungsfördernde Substanzen ausspült, zu weit zu reduzieren, kann ja auch genau das Gegenteil bewirken.

Das trifft ebenso zu, wenn man Medikamente einnimmt. Man sollte sich keine Illusionen machen – selbst einfache Analgetika (Ibuprofen, Paracetamol etc.) bilden Nebenprodukte oder werden nur teilweise aufgenommen, weshalb der Rest aus dem Körper raus muss. Je mehr Medikamente man nimmt, um so kritischer kann es sein, genug Flüssigkeit im Körper zu haben. Wenn man spezielle Nierenpräparate nimmt, gilt das erst recht. Man sollte sich definitiv an die Anweisungen des Arztes halten. Wenn man, wie ich, Kortikoide einnimmt, hat man ohnehin keine große Wahl. Die Nieren und Nebennieren sind nun mal extrem dadurch angeregt. Ich hatte sowieso schon immer eine sehr aktive Blase.

Ein Sonderfall sind natürlich Kinder. Da sie aus anatomischen und entwicklungsbiologischen Gründen eine kleinere Blase und weniger entwickelte Kontrollmechanismen haben, kann es schon helfen, sie spät abends nicht mehr so viel trinken zu lassen. Andererseits kann zu wenig Trinken die Kleinen auch mitten in der Nacht mit Durst aus dem Bett treiben. Man sollte auch beachten, dass zu wenig Trinken sogar Bettnässen verstärken kann, weil dadurch der Schlafrhytmus gestört werden kann und das Kind auch nicht gezwungen ist, seine Kontrollreflexe zu trainieren. Bei zu wenig Flüssigkeit könnte es passieren, dass die Blase gerade in einer Traum- oder Tiefschlafphase voll ist und sich dann entleert oder den Schlaf unterbricht. Trinkt das Kind hingegen vorher zu viel, würde es Mama und Papa einfach in den frühen Phasen öfter beim Fernsehen nerven, aber dann irgendwann seinen eigenen Rhytmus finden und einschlafen.

Einer der Hauptgründe, warum ich es zumindest fragwürdig finde, den Leuten zu empfehlen, vor dem Bettgehen nichts zu trinken (selbst von Urologen, die es besser wissen sollten), liegt darin, dass vieles auch davon abhängt, was man genau trinkt und welche Wechselwirkungen beispielsweise dabei auch mit dem Essen auftreten. Hier dazu ein kurzer Überblick:

  • Wasser läuft einfach durch und hat sonst keinerlei Wirkung. Genau genommen geht man einfach viel öfter vor dem Schlafen auf die Toilette, bevor man überhaupt einschlafen kann, bis man einen gewissen Level erreicht hat. Deswegen ist es auch nicht unbedingt eine besonders gute Strategie, in der Nacht „feucht“ zu bleiben, weil man recht schnell wieder Durst kriegt und davon aufwachen kann.
  • Salziges Essen und Knabbereien verstärken diesen Effekt noch weiter. Der Körper versucht einfach, eine Balance der Ionen in den Körperflüssigkeiten herzustellen und deshalb wird überschüssiges Salz entsorgt. Also Finger weg von den Kratoffelchips (was wegen des Fettes und der Kalorien auch gut ist für die schlanke Linie)!
  • Alkohol verbraucht viel Wasser, während er vom Körper verarbeitet wird und trocknet deshalb aus. Außerdem hat man die möglichen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen. Das kann man durch Trinken von Wasser, Saft usw. zwar ausgleichen, aber da man ja auch etwas die Kontrolle verliert, könnte das eine gefährliche Kombination ergeben. Deshalb sollte man um so weniger Alkohol trinken, je näher man der Bettruhe kommt.
  • Bier (und in gewissem Grad auch Wein) enthalten andererseits auch isotonische Mineralien, Zucker, Eiweiße und Enzyme, die sogar gesund sind. Deshalb können sie in vernünftigen kleinen Mengen durchaus auch zur Regulierung des Flüssigkeitshaushaltes herangezogen werden.
  • Koffein entwässert ebenfalls. Einen Kaffee, Tee oder Energiedrink am späten Abend zu trinken mag zwar die Wirkungen des Alkohols abmildern und helfen, wach zu bleiben, aber es ist unter dem Gesichtspunkt der Flüssigkeitsregulierung auch nicht die beste Idee.
  • Zucker in Getränken verzögert die Blasenaktivität, weil der Körper erstmal die Kohlenhydrate verarbeitet. Mit diesem Wissen kann man in gewissem Maß den Zeitpunkt beeinflussen, wann man wasserlassen muss indem man z.B. Orangensaft und Wasser trinkt.
  • Milch zählt im Prinzip gar nicht, weil der Körper viel länger braucht, um die darin enthaltenen Eiweiße und Lactose zu verarbeiten, als die Flüssigkeit zu entziehen. Deshalb kann man ohne Probleme abends ein Glas warme Milch als Einschlafhilfe trinken.

Wie man sieht, liegt der Teufel im Detail und wie man an bestimmte Dinge gewöhnt ist, wie es mit Medikamenten, Essen und dem Wetter reagiert und in welcher Verfassung man ist. Bei mir gibt es beispielsweise Tage, da läuft es nur so, auch wenn ich wenig trinke, und andere Tage kann ich mir in kurzer Zeit literweise Wasser in den Kopf kippen, ohne auch nur einmal auf’s Klo zu müssen. Insgesamt gibt es aber keinen Grund, auf das Glas Wasser oder Saft vor dem Schlafengehen zu verzichten. Die Fakten sind relativ eindeutig und man muss nicht an alte Ammenmärchen glauben.

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