Hilfsmittelwahnsinn

Wenn man ständig mit den Macken unseres Gesundheitssystems zu tun hat, wird man ja fast zwangsläufig ein bißchen zum Experten. Zunächst mal der theoretische Teil. Nach § 33 Sozialgesetzbuch IV (SGB IV) liest sich das dann so:

Versicherte haben Anspruch auf Versorgung mit Hörhilfen, Körperersatzstücken, orthopädischen und anderen Hilfsmitteln, die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen, soweit die Hilfsmittel nicht als allgemeine Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens anzusehen oder nach § 34 Abs. 4 ausgeschlossen sind. (…)

Alles super? Klingt ja zunächst mal toll, weil natürlich dieser Text erstmal bedeutet, dass man als Betroffener Anspruch auf alles hat, was einem hilft, gesund zu werden, gesund zu bleiben oder zumindest nicht kranker zu werden. Natürlich liegt der Teufel wieder im Detail, oder genau gesagt in der Selbstverwaltung der Krankenkassen. Wir müßten wohl kaum Petitionen unterstützen, wenn die Krankenkassen uns die Inkontinezversorgung geben würden, die wir auch wirklich brauchen. Dieses Thema zieht sich natürlich auch durch alle anderen Bereiche, deshalb mal hier ein Beispiel, das das Ganze auch illustriert.

Eine Bekannte leidet seit einer Weile unter einer speziellen Form der Psoriasis (Schuppenflechte) an den Händen – lokal begrenzt, aber eben sehr störend, weil offene Hautstellen nun mal nicht so toll sind und Schutzhandschuhe auch nicht immer praktikabel. Neben den üblichen Kortikoidpräparaten (Salben) hat sie deshalb auch UV-Bestrahlung bekommen, die auch gewirkt hat. Nun geht aber das Theater los. Natürlich bräuchte sie diese Behandlungen regelmäßig, aber die Krankenkassen sind ja bei sowas zickig und rationieren Dauerverordnungen. Außerdem wäre es unpraktisch, wegen 10 Minuten Bestrahlung jedesmal erst woanders hinzufahren. Deshalb habe ich ihr empfohlen, sich doch selber ein Gerät zuzulegen und mich mal in die Tiefen des Hilfsmittelverzeichnisses gegraben.

Die erste Frage wäre natürlich, warum sollte man das überhaupt machen? Hier ist der Punkt: Ärzte haben oft einfach nicht die Zeit oder die Lust, solche Infos zusammenzusuchen, deshalb sollte man schon selber recherchieren und genau wissen, was man braucht (bzw. gern hätte), bevor man mit dem Arzt drüber spricht. Das erspart auch unangenehme Überraschungen und Zeitverzögerungen. Im speziellen Fall geht es um so eine Verordnung. Blöderweise steht da was von „nicht belegt“, was also im Klartext bedeutet, dass es keine Rahmenverträge gibt und der Arzt es nicht pauschal verordnen kann, weil die Krankenkasse nicht die Kosten übernimmt. Was sollte man dann also tun?

Zunächst sollte man sich ein geeignetes Gerät raussuchen, um den Preis zu kennen und zu wissen, ob es die notwendigen Zulassungen und Zertifizierungen hat. Ob man das nun online macht oder sich dann im Sanitätshaus beraten und einen Kostenvoranschlag machen läßt, hängt natürlich von der Art des Hilfsmittels ab. Ein kleines Handgerät per Paket geliefert bekommen ist eben was anderes, wie ein Ganzkörperstrahler, den man sich schon der Bequemlichkeit wegen liefern und aufstellen lassen würde.

Wenn man diese Informationen alle beisammen hat, kommt der nächste Schritt: Man geht zu seinem Arzt und läßt sich eine Verordnung (Rezept) ausstellen. Zusätzlich muss der Arzt begründen, warum man nun genau dieses Gerät braucht und er muß alle weiteren nötigen medizinischen Informationen dazu geben. Im besagten Beispiel muss er also bestätigen, dass bereits verodnete Behandlungen eine Verbesserung gebracht haben, eine dauerhafte Behandlung Sinn machen würde und der Arzt die Überwachung übernimmt.

Den nun weiter angewachsenen Stapel an Papier bringt man dann zur Krankenkasse oder schickt ihn per Post ein. Sofern eine Filiale nicht zu weit weg ist, sollte man persönlich hingehen. Das hat den Vorteil, dass die Mitarbeiter vor Ort einen Eindruck kriegen, wie der Zustand des Kunden (Patienten) ist und sie kennen normalerweise auch die im Ort ansässigen Ärzte ganz gut und wissen, wie die Verordnung einzuschätzen ist. Sofern man Glück hat und an einen entscheidungsbefugten Mitarbeiter kommt sowie die Kosten des Gerätes nicht einen bestimmten Betrag überschreiten, kann dort schon eine positive Entscheidung getroffen werden oder der Mitarbeiter zumindest schon mal eine entsprechende Empfehlung in das System eingeben.

Wenn man alles einsendet, landet man eben in der Warteschlange und hat zudem keine weiteren „Fürsprecher“. Deshalb sollte man sich schon darauf gefaßt machen, dass erstmal eine Ablehnung kommt. Auf diese sollte man natürlich prompt reagieren und Widerspruch einlegen – mit erneuter Begründung, wenn nötig. Hartnäckigkeit und Geduld sind hier gefragt. Einfach nicht unterkriegen lassen! Wenn dann die Bewilligung für die Kostenübernahme/ -erstattung da ist, kann man endlich zur Tat schreiten, aber bitte nicht vorher! Ja, selbst ein falsches Datum auf der Rechnung kann hier fatal sein, wenn man beispielsweise schlau sein wollte und schon mal „auf Verdacht“ bestellt hat vor dem Datum der Genehmigung. Dann bleibt man auf den Kosten sitzen und hat auch rein rechtlich keine Möglichkeit mehr, dagegen vorzugehen, da die Krankenkassen nun mal nicht zur Kulanz verpflichtet sind.

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