Die richtige Windel – Teil 3: Passen muss’s!

Nach all den theoretischen Betrachtungen wird es nun Zeit, sich den wirklich interessanten Dingen zuzuwenden. Yupp, Zeit, darüber zu reden, welches Produkt man nun tragen sollte, oder zumindest welches man in welcher Situation vorziehen sollte. Wie immer wird das sehr subjektiv, aber ich habe ja nun einiges ausprobiert, so dass ich zumindest ein paar Tips geben kann.

Windeln Übersicht

Eine Auswahl von Einwegwindeln in Probepackungen

Vorweg sei gesagt, dass man immer im Blick behalten sollte, dass hinter den Produkten eine ganze Industrie von Hygieneartikelherstellern steht. Das ist nicht unbedingt immer eine gute Sache. Es gibt eine ganze Menge recht teurer Supermarkt-/ Drogerieprodukte, die nicht unbedingt besser oder praktischer sind, als medizinische Standardprodukte. Weil die Leute nicht gern über das Thema reden, gibt es eine ganze Reihe von eigenartigen Penishüllen, Höschen mit aufgedruckten Mustern, um sie wie normale Unterwäsche aussehen zu lassen, oder Einlagen mit Blümchenmustern und Düften. Ich will nicht behaupten, dass das nur Geldmacherei ist, weil es in manchen Situationen durchaus funktionieren kann, aber wir werden dem nur wenig Beachtung schenken. Die meisten dieser Produkte sind ohnehin nur auf leichte Urinkontinenz oder gelegentliche Nutzung ausgerichtet und bei den Preisen wäre eine alltägliche Nutzung oft eine enorme finanzielle Herausforderung und Belastung.

Windeln MoliMen

Die im Text erwähnte komische Penishülle

Nachdem das geklärt ist, schauen wir mal, welche Anforderungen eine geeignete Intimverpackung haben muss. ;-)

  • Logischerweise muss die Versorgung angemessen saugfähig sein. Das bedeutet, dass Größe und Dicke des Saugmaterials so angelegt sind, dass man mit vorhersehbaren Größen rechnen kann.  Man muss also wissen, wieviele Stunden man es tragen oder wie oft man reinpullern kann, ohne dass es ausläuft, bevor man wechselt.
  • Es muss sich sicher, bequem und unaufdringlich anfühlen. Es macht keinen Sinn, die nach den auf der Verpackung aufgedruckten Angaben „beste“ Windel beispielsweise mit einer hohen Saugfähigkeit zu kaufen, wenn man sich darin nicht wohlfühlt. Da man die Versorgung zumindest eine ganze Weile trägt, können einem selbst kleine Unzulänglichkeiten und Fehlfunktionen schnell auf die Nerven gehen und zu Frust führen. Man möchte idealerweise eben nicht ständig daran erinnert werden, dass man etwas trägt, nur weil z.B. ein zu breites Polster an den Oberschenkeln/ im Leistenbereich reibt.
  • Eine gute Versorgung muss natürlich dichthalten. Klingt erstmal einfach und offensichtlich, aber schnell kann man mit einer Windel dastehen, die aus den Bündchen läuft, weil diese zu locker sind, oder wo das Polster unter Druck Feuchtigkeit abgibt.
  • Die Paßform muss stimmen. Leider wird dieser Punkt all zu oft unterschätzt. Eine gute Inkontinenzversorgung muss ziemlich stramm am Körper sitzen. Dadurch wird das Risiko verringert, dass die Ausscheidungen dort landen, wo man sie nicht haben will und es schließt auch Gerüche besser ein. Außerdem reduziert man so die Gefahr, dass die Windel Falten wirft oder sich verzieht, was zum Reißen des Materials führen kann, besonders wenn es schon durchnäßt ist. Die Nähe zum Körper macht auch das tragen der Versorgung angenehmer, weil durch die Körperwärme die darin enthaltene Flüssigkeit weniger auskühlt.

Schauen wir mal auf die individuellen Möglichkeiten.

Windeln Einlagen/ Vorlagen

Einige Einlagen/ Vorlagen

Einlagen/ Vorlagen

Dabei handelt es sich um die einfachste Form der Versorgung und es gibt wirklich nicht viel dazu zu sagen. Im Prinzip ist es das gleiche wie Damenbinden, nur eben größer. Allerdings gibt es einige Einschränkungen aufgrund dessen, wie so eine Einlage funktioniert.

Einlagen können nicht beliebig dick und groß sein. Weil sie in der/ mit der Unterwäsche fixiert werden, können sie eben nur ein bestimmtes Gewicht und Nutzfläche haben. Das bedeutet, dass die Unterwäsche auch entsprechend robust sein muss, was die Auswahl einschränkt. Feine Microfaserunterwäsche ist genau so ungeeignet wie lockere Boxershorts oder Spitzenunterwäsche. Man muss da schon was anderes tragen.

Zweitens sind Einlagen eigenartigerweise nicht gerade besonders unauffällig. Sobald sie feucht werden, zeichnen Sie sich teilweise ziemlich deutlich ab, weil sie durchhängen, die Farbe verändern oder man gerade bei dünnen Hosen oder Ähnlichem den Rand als zusätzlichen Abdruck zuätzlich zu den Nähten der Unterwäsche sieht

Wenn man all das berücksichtigt, sind meiner Meinung nach Einlagen/ Vorlagen nur für leichte Fälle geeignet, wo man wirklich nur ein leichtes Tröpfeln auffangen will und verhindern will, dass die Unterwäsche schmutzig wird. Dann kann man sich mit einem kleinen Polster zufriedengeben, dass man gut kaschieren kann und nicht sieht. Für schwerere Fälle ist diese Form der Versorgung ungeeignet, weil das Pad dann so groß und dick sein müßte, dass es einfach unpraktikabel wäre.

Windeln Höschenwindeln

Diverse Höschenwindeln

Höschenwindeln

Höschenwindeln, oder Neudenglisch „Pull-Up/ Pull-On Pants“, lassen sich mehr oder weniger wie normale Unterwäsche verwenden. Die Hersteller lassen sich da immer fetzige Produktnamen wie Active Pants oder ähnliches einfallen, um zu suggerieren, dass sie keine Einschränkungen im Alltag bringen und als vollwertiger Ersatz getragen werden können, aber das ist natürlich Ansichtssache.

Das Problem besteht natürlich darin, dass man die Dinger erstmal anziehen muss, und wenn man steife Gelenke oder Muskel- und Knochenprobleme hat, kann das manchmal gar nicht so einfach sein. Das Material reißt eben leichter als richtiger Stoff und man muss schon etwas Feingefühl, aber auch Kraft haben, um es in Position zu bringen. Für mich ist auch die Paßform nicht so ideal und ich finde sie extrem unsexy. Wie man im Bild sieht, sehen sie ein wenig aus wie Omas Rüschen- und Spitzenhöschen, was besonders für männliche Personen gewöhnungsbedürftig ist.

Windelform - Höschen

Eine typische Höschenwindel von vorn (Tena Maxi)

Ansonsten trift das schon zu den Vorlagen Gesagte auch hier zu – Höschenwindeln sind nicht unbedingt für schwere Fälle geeignet, weil die Pads nur eine recht überschaubare Menge an Flüssigkeit aufnehmen können und die Pants zudem dann auch anfangen, nach unten zu rutschen, wenn sie nasser und somit schwerer werden. Sie vermeiden einige wenige Probleme von nur Einlagen, aber haben, zumindest für mich, keinen Mehrwert im Vergleich dazu.

Windeln Flex

Eine Auswahl von Flex-Windeln

Flex-Windeln

Diese Art von Windeln sind für mich ein wenig eigenartig. Warum? Wie ein Suspensorium/ einen Jockstrap soll man sie relativ hoch auf der Taille tragen, aber wie ich schon öfter gesagt habe, bin ich nun mal kein Balletttänzer.

Diese Art der Fixierung begrenzt die praktische Nutzung, weil man im Prinzip mit einem Handtuch als Lendenschurz rumläuft, das von Bändern am Körper gehalten wird. Da es keine seitliche Fixierung gibt, kann das Saugpolster schwingen, was sich komisch anfühlen kann. Außerdem fehlt durch die geringe Kontaktfäche einfach die Bremswirkung, wodurch das Ganze leichter, oft unbemerkt, nach unten rutscht und somit die Dichtigkeit an den Beinen nicht mehr gegeben ist. Andererseits sollten sie schon ausreichenden Schutz bieten, wenn man einen entsprechenden Körperbau hat und sie entsprechend fixieren kann. Die Dicke und Saugkraft ist nicht begrenzt.

Ein Nachteil, der sich in meiner Erinnerung eingebrannt hat, sind die klettverschlussartigen Klebe-/ Haftflächen. Wenn man diese nicht genau auf den Bändern platziert, kratzen sie auf der blanken Haut. Manchmal ist es auch sehr schwer, die Bänder zu lösen, da sie herstellungsbedingt an der Innseite der Windel kleben. Wenn man das erstmal begriffen hat, sind Flex-Windeln die Sorte, die sich am einfachsten im Stehen anlegen läßt – man schließt die Bänder wie einen Gürtel und klappt den Mittelteil einfach nach oben. Dadurch kann man sie auch gut unterwegs nutzen, wenn man sie nur als vorbeugenden Schutz für kleine Misgeschicke trägt, aber ansonsten normal die Toilette benutzen will.

Windelform - Flex

Eine aufgefaltete Flex-Windel von innen (Seni Optima)

Windelform - Flex

Noch eine aufgefaltete Flex-Windel (Attends Active)

Lustigerweise scheint noch kein Hersteller die perfekte Lösung gefunden zu haben und somit verwendet jeder sein eigenes System, wie in den Bildern erkennbar. Dadurch wird es noch schwerer, die richtige Variante zu finden. Als Dauerlösung sind die Flex für mich nichts, aber im Sommer, wenn man’s an besonders heißen Tagen gern luftig hat, könnte ich mir es als Alternative durchaus vorstellen.

Windeln Slips

Diverse Slip-Modelle von verschiedenen Herstellern

Slip-Windeln

Als Mischung zwischen (Retro-)Boxershorts und Feinrippunterwäsche (der genaue Schnitt variiert von Marke zu Marke) ist das meine Lieblingsform und der am häufigsten verwendete Typ im Pflegebereich. Somit gibt es hier auch die größte Auswahl. Natürlich hat das einen Grund – nicht nur ist es die historisch gewachsene Standardform sondern bietet auch den umfangreichsten Schutz, auch wenn man sich da ganz schön viel Papier um die Hüfte wickelt. ;-)

Für mich ist natürlich der Schutz hintenrum am wichtigsten. Es gibt einfach keinen anderen Windeltyp, der sich so geschmeidig an den Hintern anlegt und dabei trotzdem dichthält. Außerdem kann ich durch entsprechend geschickte Platzierung der Klebebänder die Form meinen Bedürfnissen anpassen, da ich, wie schon erwähnt, keine Sportlerfigur habe. Slip-Windeln haben in der Regel auch die größten und dicksten Saugpolster, wenn man sie denn möchte. Für die wirklich harten Fälle gibt es eigentlich keine Alternative zu diesem Typ. Aufgrund der starken Konkurrenz in diesem Segment und der ausgereiften Herstellung sind Slip-Windeln im Normalfall auch die preiswertesten „richtigen“ Windeln. Da es keine überstehenden Teile gibt und die große Fläche für Stabilität sorgt, können die Maschinen schneller laufen und größere Stückzahlen ausspucken.

Windelform - Slip

Eine aufgefaltete Slip-Windel von innen (Attends Regular)

Gibt es auch Nachteile? Natürlich! Unbestritten macht es die überbordende Menge verschiedener Hersteller und Marken besonders schwer, das perfekte Modell zu finden. Ich habe zur Zeit ungefähr 10 verschiedene Produkte in Gebrauch, je nach Situation und Lust und Laune. Irgendwann müssen es mal zum Testen fast 30 Sorten gewesen sein und weil es schon wieder neue Produkte gibt, wird die Liste nicht kürzer. Letzten Endes ist das ja auch der Grund, warum ich diese Serie angefangen habe (und mit ausführlichen Produkttests irgendwann fortsetzen werde) und warum Du gerade das hier liest. Von der genauen Form bis zu Variationen in der Größe (Größe M ist eben nicht immer gleich Größe M) gibt es schon merkliche Unterschiede, die man nur durch Experimentieren herausfinden kann. Ein weiterer Nachteil liegt darin, dass es durch die große Fläche und somit starke Abdeckung eher zu Hautproblemen kommen kann. Selbst atmungsaktive Produkte können sich schwitzig anfühlen, was vor allem im Sommer ein Problem werden kann.

Ein sehr persönliches Thema ist das „Auftragen“ unter der Kleidung. Die Leute machen sich deswegen immer ganz schön verrückt. Natürlich kann man einen „dicken Hintern“ kriegen, wenn man eine dicke Windel trägt, aber ehrlich gesagt, merken es die meisten Leute nicht, es sei denn die Windel schaut aus dem Hosenbund oder ich sage es ihnen. Wenn man da etwas sensibel und schüchtern ist, sollte man natürlich etwas vorsichtiger rangehen, aber ich zum Beispiel mache mir da gar nichts draus. Immerhin leben wir im Jahr 2015, nicht zu Bismarcks Zeiten!

Windeln Adjustable

Die Slip-Flex-Mischform (Attends Adjustable)

Mischformen

Es gibt einige spezielle Produkte, die versuchen, die Vorteile verschiedener Windeltypen zu kombinieren wie Prevail Stretch oder die oben gezeigte Attends Adjustable. Diese versuchen, insbesondere das Anlegen zu vereinfachen, indem sie wie Flex-Windeln Bänder mit nur einer Klebestelle verwenden, welche aber doppelt oder dreimal so breit sind, ansonsten aber den stabilen Kern einer Slip-Windel beibehalten. Das funktioniert erstaunlich gut und abgesehen vom Preis, könnte ich mich da dran gewöhnen. Auf jeden Fall ist es wieder eine gute Alternative für den Sommer und wenn man Wert auf das Gefühl und den Look „normaler“ Unterwäsche legt, sind sie auch ideal, weil sie sich gut in einer Boxershort verstecken lassen und nichts rausschaut.

Um den Artikel abzuschließen: Natürlich gibt es trotz aller Theorie nur einen wirklich guten Weg herauszufinden, welche Windel einem am besten paßt – verschiedene Modelle zu tragen und ihre Vor- und Nachteile zu vergleichen. Das kann man am einfachsten, indem man einfach mal im Sanitätshaus oder der Apotheke nach entsprechenden Musterpackungen fragt oder sich Probezusammenstellungen bei Versendern bestellt. Viele der in deisem Artikel gezeigten Packungen kommen zum Beispiel von meinem derzeitigen Lieferanten Schanders.de. Wenn man sich für einen Typ entschieden hat oder zumindest ein bestimmtes Bauchgefühl, sollte man sich dann  auch erstmal eine ganze Packung kaufen, so dass man testen kann, ob man 24 Stunden am Tag über mehrere Tage damit zurechtkommt.

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