Die richtige Windel – Teil 2: Einweg oder Mehrweg?

Ein großer Streitpunkt beim Windeltragen sind einige praktische und auch Umweltaspekte in Bezug darauf, wann und wie mehrfach verwendbare und Einwegwindeln verwendet werden sollten. Die Fakten sind allerdings leider schwer zu erfassen. Um einen fairen Vergleich zu machen, müßte man ganz schön graben, um alle Faktoren zu erfassen wie den allgemeinen Ressourcenverbrauch bei der Herstellung und der Verwendung, egal, woraus die Windel gemacht ist oder wie sie letztendlich verwendet wird. Da sich viele dieser Fakten dem Normalbürger entziehen oder nicht zugänglich sind, müssen wir wohl darauf warten, bis sich Greenpeace oder der WWF eine Studie dazu verfassen und Sozialwissenschaftler den Gründen nachgehen, warum die einen dies und das bevorzugen. Blöderweise habe ich auch keine Erfahrungen mit modernen Stoff(klett-)windeln, weil ich mir noch keine leisten konnte, deshalb wird das Ganze teilweise etwas theoretisch und trocken werden. Die letzten Stoffwindeln, an die ich mich erinnere, waren die, die meine Mutter für meinen Brder in den 1970er Jahren gewaschen hat. Wer also Anregungen und andere Meinungen hat, sollte sich per Kommentarfunktion dazu äußern.

Eines der größten Probleme, das ich bei Stoffwindeln sehe, sind einfach die Kosten, die man möglicherweise nie wieder reinholt. Bei den schon erwähnten Stoffwindeln, die man sich durch den Schritt um die Hüfte schlägt und die dann per Klettverschluß oder Drucknöpfen zusammengehalten werden, ist das einfache Mathematik. Um den täglichen Bedarf abzudecken, bräuchte ich mindestens zwei pro Tag und da ich keine Lust hätte, ständig die Waschmaschine rumpeln zu lassen und auch immer welche auf der Leine hängen würde, bräuchte ich mindestens sechs bis zehn Stück. Das multipliziert mit einem Stückpreis von 49 Euro ergibt schon ein heftiges Sümmchen. Dazu würden dann noch Kosten für Strom, Wasser, Waschmittel usw. kommen. Deshalb erscheint es mir so, dass man die Dinger lange, bevor es sich rentiert hat, „kaputtgewaschen“ hat.

In meiner spezifischen Situation mit Stuhlinkontinenz kann ich es mir auch schwer vorstellen, Stoffwindeln zu benutzen. Urin ausspülen ist eben doch was anderes als mehr oder weniger starke „Bremsspuren“. Je nachdem, aus welchem Material, hätte man möglicherweise auch ein Hygieneproblem, wenn die Windeln nicht bei mindestens 60 Grad gewaschen werden können und somit nicht alle Bakterien abgetötet werden. Beim Rumtreiben auf entsprechenden Foren ist mir auch klar geworden, dass Stoffwindeln nicht annähernd so viel Urin aufnehmen – um mit einer Einwegwindel gleichzuziehen, müßte das Saugpolster schon so dick wie ein aufgerolltes Handtuch sein. Das ist weder praktikabel noch besonders diskret. Insgesamt gesehen gibt es also durchaus einige Einschränkungen. Natürlich wil lich mir aber trotzdem noch ein paar schöne Stoffwindeln besorgen. Zum einen kann man sie auch als Fixierhosen für Einwegwindeln verwenden (mehr zum Them Fixierung irgendwann in dieser Serie von Artikeln) und irgendwie schlummert in mir auch ein Adult Baby, das auf die bunten Farben und Muster abfährt. ;-)

Einweg- oder Wegwerfwindeln sind mittlerweile so ausgereift, dass sie als kleine Wunderwerke gelten können. Das begreift man, wenn man das erste Mal eine besonders saugfähige trägt und sich fragt, wo die ganze Flüssigkeit hin ist, wie ich das mache, wenn ich im Kino extralange Filme anschaue. Da muss ich mich dann wenigstens nicht ins Getümmel stürzen, wenn am Ende des Films oder in der Pause alle auf die Toiletten stürmen. Natürlich gibt es noch weitere Vorteile. Am offensichtlichsten ist natürlich der Hygieneaspekt. Eine volle Windel möchte man im Regelfall so selten, wie unbedingt notwendig, anfassen, also ist es praktisch, wenn man sie einfach zusammenrollen, in einen Beutel stecken und entsorgen kann. Der letztere Teil kann auf öffentlichen Toiletten auch schon mal zum Glücksspiel werden, aber die Diskussion, ob und wie unsere Gessellschaft (nicht) auf behinderte oder anderweitig beinträchtigte Menschen eingestellt ist, ist ein Thema für ein anderes Mal.

Ein weiterer großer Vorteil von Einwegwindeln ist der Umstand, dass sie bei bestimmten Formen der Inkontinenz einfach effektiver sind. Neben den schwammartigen Saugleistungen betrifft das besonders die Geruchsbildung. Weil das Saugpad jede Form von Feuchtigkeit aufnimmt und einschließt, also auch Schweiß zusätzlich zu den Ausscheidungen, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit zur Vermehrung geruchsbildender Bakterien und andere Gerüche, die durch Feuchtigkeit erst wahrnehmbar werden, werden auch vermindert. Viele Marken haben zudem spezielle Imprägnierungen, die das weiter verbessern. Leider ist aber genau das auch einer der wenigen Nachteile (abgesehen von Passungsproblemen). Das Tragen solcher Windeln kann die Haut stark austrocknen und zu Reizungen führen, so dass man Hautpflegemittel verwenden muss, um das auszugleichen. Ein letzter guter Punkt bei Einmalwindeln ist die einfache Reiseplanung. Wenn man unterwegs ist, kann man immer ein paar im Rucksack oder Kofferraum haben, weil sie leicht sind und nicht viel Platz wegnehmen. Bei längeren Reisen kann man sich problemlos in der Apotheke, einem Sanitätshaus oder einer Drogerie welche kaufen oder nachbestellen, auch im Ausland. Man muss halt nur etwas flexibel sein und sich nicht zu sehr auf nur eine Marke festlegen. und man muss natürlich damit rechnen, dass es etwas teurer ist als beim angestammten Versandhändler. Allerdings macht die geringere Schlepperei und der damit vernbundene Stress und auch gesparte zusätzliche Gepäckgebühren z.B. bei Flugreisen das wieder wett.

Unbestritten gibt es bei Einwegwindeln auch eine „dunkle Seite“ in Bezug auf ihre Umweltfreundlichkeit. Sie werden aus Papier, Zellulosevlies, Plastikfolie und ein paar anderen Kleinigkeiten wie Klebebändern gemacht und all diese Dinge müssen hergestellt und transportiert werden. Bäume werden mit dieselbetriebenen Forstmaschinen gefällt, die Stämme zur Fasergewinnung ins Sägewerk gebracht, das Papier wird mit Wasser und Hitze daraus gemacht, die Folie wird aus Erdöl hergestellt und in irgendeiner Fabrik kommt alles zusammen, wird schön bedruckt und verpackt und dann wieder in alle Welt transportiert. Es läßt sich nicht vermeiden, dass jeder dieser Schritte irgendeine Form von Umweltverschmnutzung verursacht, sei das der Energieverbrauch, die Abgase der motoren und Fabriken oder die Wasserverschmutzung. Ich glaube jedoch, dass das insgesamt nicht so schlimm ist, wie es klingen mag, auch wenn die genaue Berechnung eines „Footprints“ jenseits meiner Fähigkeiten liegt. Zumindest hier in Europa geben sich Länder wie Finnland oder Schweden, aus denen große Teile des verwendeten Holzes kommen, große Mühe, nur schnell nachwachsende Baumarten zu verwenden und die Wälder entsprechend wieder aufzuforsten. Hinzu kommt ein gesunder Selbsterhaltungstrieb, die Natur zu erhalten und das Wasser nicht zu verschmutzen, um Touristen anzuziehen. Deshalb bin ich der Ansicht, dass das auch nicht schlimemr ist wie bei anderen Prozessen in der Papiergewinnung, wenn man mal an die ganzen Verpackungen,Werbebroschüren, Flyer und so weiter denkt.

Ähnlich sehe ich das für die Folie. Ironischerweise schmeißen wir jeden Tag massiv Folienverpackungen und Ähnliches weg – und das in Plastikmüllbeuteln! Über den Daumen gepeilt würde ich deshalb sagen, dass eine Packung Windeln mit Kunststoffolie auch nicht mehr Plastik enthält, als die kleinen Plastikbeutelchen, die man in der Gemüseabteilung findet. Ungeachtet dessen haben viele Hersteller damit begonnen, auch für die Außenschicht vermehrt Papier in Kombination mit leichten synthetischen Vliesen zu nehmen. Wenn man es entsprechend mit Hitze und Druck behandelt, versiegelt es sich selbst und ist relativ wasserfest/ wasserdicht und glänzt noch dazu auch fast schon wie Folie. Andererseits bleibt es trotzdem etwas durchlässig und die Hersteller bewerben das gerne mit „Cotton Feel“ oder „atmungsaktiv“. Bleiben eigentlich nur noch die Klebebändchen übrig, aber auch hier würde ich sagen, dass sie, wenn man die Bändchen von 1000 Windeln aneinanderreiht, ungefähr eine normale Rolle breites Klebeband dabei rauskommt. Da müßte man dann nur noch die bunte Bedruckung und die Umverpackung in die Gleichung mit einrechnen, aber insgesamt verbraucht man wohl für andere Dinge mehr Plastik.

Natürlich muss man seine gebrauchten Windeln auch entsorgen, aber ohne da jetzt wie ein Industrielobbyist klingen zu wollen, auch das sehe ich realtiv optimistisch. Da sie aus Papier und ein wenig Folie gemacht sind, ist es einfach, sie in der Müllverbrennungsanlage durch den Schornstein zu jagen und dabei entsteht vor allem Wasser und Kohlendioxid und die wenigen giftigen Bestandteile werden rausgefiltert. Einige Windelsorten können sogar kompostiert und in Biogasreaktoren verwertet werden, sofern bestimmte Chemikalien nicht vorkommen.

Soll das bedeuten, dass es nicht besser sein könnte? Natürlich nicht! Es gibt immer Raum für Verbesserungen, aber man muss auch sehen, dass es eben eine Gratwanderung zwischen der notwendigen Schutzfunktion, Hygieneaspekten und dem Umweltschutz ist. Letzten Endes liegt es vor allem am verantwortungsvollen Umgang und der beste Weg, dieses Verhältnis zu verbessern, ist ein geringer Verbrauch, egal ob nun Mehrweg- oder Einwegprodukte verwendet werden. Jede Windel, die nicht vorzeitig gewechselt werden muss, belastet die Umwelt weniger und schon die Auswahl des richtigen Typs für einen bestimmten Zweck kann schon viel bewirken…

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