Die richtige Windel – Teil 1: Merken, dass man ein Problem hat

Da ich nun das Ganze durch habe, ist es fast unvermeidlich, dass ich meine Erlebnisse bei der „Reise ins Windelland“ auch hier zum besten gebe. Das ist um so mehr der Fall, da folgende Punkte zutreffen:

  • Ich bin relativ jung und noch mobil.
  • Ich habe trotz meines Wohlstandsbauches relativ normale Körperproportionen, wodurch bestimmte Angaben einfach auf andere Leute übertragbar sein sollten.
  • Ich leide nicht unter totalem Kontrollverlust und somit geht es für mich nicht immer um Leben und Tod (mehr weiter unten).
  • Ich trage die Windeln selbst, also muss man sich nicht auf die Meinung von Außenstehenden wie z.B. Pflegepersonal verlassen.
  • Ganz offensichtlich hab ich kein Problem damit, offen drüber zu reden oder öffentlich damit umzugehen.

Natürlich wird vieles sehr subjektiv sein und andere Leute einige Dinge anders sehen, aber vielleicht hilft es ja, die Stimmung etwas aufzulockern, damit Leute nicht mehr so peinlich berührt reagieren, wenn es um das Thema geht. Das soll eien mehrteilige Serie werden, weil es viel zu bereden gibt aber fangen wir mal am Anfang an: Unser „kleines Problem“.

Über Inkontinenz wird oft nur hinter vorgehaltener Hand und fast schon konspirativ gesprochen , obwohl sie öfter vorkommt, als die meisten denken. Klar, es ist eben eine Frage der Definition und des einfach mal drüber Nachdenkens, wer denn betroffen sein könnte. Bevor es kompliziert wird, hier mal eine kurze Auflistung der wohl am häufigsten betroffenen Gruppen:

  • Menschen mit altersbedingten degenerativen Erscheinungen, die es einfach nicht mehr schnell genug zur Toilette schaffen, weil sie schwach und gebrechlich sind
  • Ältere oder Menschen mittleren Alters, die unter neurologischen Krankheiten wie Multiple Sklerose leiden und dadurch die Kontrolle verlieren
  • Leute mit Demenz, Alzheimer oder ähnlichen Erkrankungen, die einfach alles vergessen oder durch ihre andere Wahrnehmung in bestimmte Verhaltensmuster fallen (Infantilismus)
  • Menschen mit allen möglichen Problemen am Harntrakt und Verdauungssystem als Nebenwirkung von anderen chronischen Erkrankungen
  • Unfallopfer mit beschädigten Nerven und Organen
  • Menschen, denen bei schiefgegangenen Operationen irgendwas weggeschnippelt wurde
  • Behinderte, nicht mobile Menschen oder Leute mit angeborenen Organveränderungen und -fehlfunktionen
  • Männer bestimmten Alters mit Prostataproblemen
  • Diabetiker

Es gibt selbstverständlich noch eine ganze Menge andere, aber es soll hier nicht um Bettnässen oder andere psychologisch verursachte Probleme gehen wie es auch nicht um zeitweise Nebenwirkungen von bei kurzfristiger Medikementeneinnahme oder zu viel Trinken geht. Es geht mehr oder weniger um funktionale oder organisch bedingte Probleme über längere Zeit.

Natürlich denkt bei inkontinenz jeder erstmal an Harn-/ Urininkontinenz, aber es gibt ja da noch die andere Sache namens Stuhlinkontinenz, die auch nicht so selten ist. Die diversen Typen, Erscheinungsformen und Gründe heir darzulegen, würde den Rahmen sprengen. Dafür gibt’s Wikipedia. Allerdings müssen wir uns einem wichtigen Detail zuwenden: Läuft es schon oder tröpfelt’s noch? (nein, hat mit IKEA nichts zu tun). Daran scheidet sich das ganze.

Bevor die Leute zum Facharzt gehen, denken die meisten nicht mal, dass sie ein Problem haben, weil sie es als gegeben hinnehmen nach dem Motto „Es war schon immer so.“. Möglicherweise haben sie auch schon Strategien und Tricks zurechtgelgt, um über die Runden zu kommen. Man stopft sich Küchenpapier oder Papiertaschentücher in die Unterhose, man hat immer frische Ersatzunterwäsche im Rucksack, wenn man auf Arbeit geht oder als Frau verwendet man einfach dickere Damenbinden, die mehr aufsaugen. Zusätzlich versucht man, irgendwelchen Mißgeschicken zuvorzukommen, indem man extrem oft auf die Toilette geht oder einen festen Rhythmus mit Abführ- und Entwässerungspräparaten erzwingen will. Damit kommt man schon ein ganzes Stück, aber irgendwann wird alles schlimmer oder man hat keine Lust mehr auf diese Notlösungen und es ist Zeit, zum Arzt zu gehen.

Meine Probleme zeigten sich zunächst mit rektalen Blutungen und größeren Schleimablagerungen, die dort nicht hingehörten. Zusammen mit dem Umstand, dass die Stuhlfarbe nicht gesund aussah, hat das natürlich alle in Unruhe versetzt, weil es interne Blutungen oder eine ernste Organfehlfunktion bedeuten konnte, also wurde ich schleunigst ins Krankenhaus verfrachtet und die Innereien inspiziert. Da erstmal nicht ernstes gefunden wurde, waren alle ein wenig verblüfft, aber zumindest zufrieden. Das ging nun so ein paar Mal, ohne dass was Sinnvolles dabei rauskam, abgesehen von der offensichtlichen Erkenntnis, dass meine Medikamente meinen Verdauungstrakt angreifen und er deswegen entzündet und überempfindlich ist. Zusätzliche Untersuchungen auf Hämorrhoiden brachten auch keine schlüssigen Beweise, aber wenigstens bekam ich erstmal ein paar Zäpfchen, um die Blutungen zu stoppen – zumindest eine Zeit lang. Das eigentliche Problem mit der nassen und verschmutzten Unterwäsche blieb aber bestehen. Ich wurschtelte mich also weiter, wie oben beschreiben, durch, bis es so schlimm wurde, dass ich wieder zu meiner Windelreserve griff. Die hatte ich mir mal am Anfang meiner Erkrankung zugelegt, als ich Probleme im Bereich der unteren Harnleiter hatte und durch die Hohen Dosen von Kortison da auch etwas auslief.

Weil mein Immunsystem mittlerweile nicht mehr mit den einfachsten Bakterien zurechtzukommen scheint, die für andere Leute harmlos sind, entwickelt sich eine „Erkältung“ meist schnell in Richtung Lungenentzündung. Deshalb muss ich in solchen Phasen oft Antibiotika nehmen und das hat mir dann auch noch die Darmflora etwas versaut, was zu regelmäßigem Durchfall und Krämpfen/ Verspannungen im Abdomen führt, wodurch auch zeitweise Druck auf die Blase und Prostata entsteht, der zu unfreiwilligem Auslaufen auch vorne führen kann. Im Laufe der weiteren Diagnostik stellte sich auch heraus, dass durch die vielen Kortikoide, die ich nehme, um meine Krankheit im Zaum zu halten, auch die Muskeln einfach schlapp sind. Außerdem gibt es Nervenschäden, die wohl auf das viele Sitzen vorm Computer und entsprechende Belastungen beim Radfahren zu meiner aktiven Zeit zurückzuführen sind. Insgesamt handelt es sich also um eine Kombination aus verschiedensten Faktoren, die zu meiner Inkontinenz führen – neuropathologische und muskuläre Probleme sowie Veränderungen in meinem Verdauungssystem. Die gute Nachricht ist, dass ich zumindest alles noch merke und entsprechend eingreifen kann, wenn mal was passiert.

Wie man sieht, ist es nicht leicht herauszufinden, warum und weshalb man die Kontrolle über seine Körperflüssigkeiten verliert. Das soll niemanden abschrecken, sondern den Punkt verdeutlichen und ermutigen, seine Probleme untersuchen zu lassen. Nicht jedes Inkontinenzproblem ist aber so kompliziert und vielschichtig. Urininkontinenz läßt sich oft schon durch Ultraschalluntersuchungen und einen bakteriellen und chemischen Test abklären. Sie läßt sich auch häufig leicht mit Medikamenten, ein wenig Krankengymnastik oder speziellen festen Regeln wie Vermeiden von bestimmten Getränken oder Einhaltung eines Ernährungsplans verbessern. Letzteres hilft auch in meiner Situation, auch wenn ich gutes Essen mag und es manchmal den entgegengesetzten Effekt hat. ;-)

Angesichts dessen kann man also schon eine ganze Menge selbst tun, aber wenn die Beschwerden sich nicht verbessern, sollte man sich den Problemen stellen anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen. Je länger man sie vor sich herschiebt, um so mehr belasten sie einen – praktisch und auch seelisch – und verschlimmern sich. Das sollte man sich auch immr im Kopf behalten. Es gibt keinen Grund, sich wegen so etwas komisch oder schlecht zu fühlen, selbst wenn man sonst einen roten Kopf bekommt, wenn es um sowas geht. Klar wird es dauern, bis man sich dran gewöhnt hat, gepolstert durch’s Leben zu gehen, aber es ist kein Weltuntergang. Die Sicherheit, die man gewinnt, trägt entscheidend zur Lebensqualität bei und darum geht es ja schließlich – die positiven Aspekte zu betonen und sich mit seiner krankheit so gut zu fühlen, wie es eben geht, auch wenn es bloß Kleinigkeiten sind. Im nächsten Teil geht’s weiter…

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